Das Versepos "Hermann und Dorothea" gehört eigentlich zu den schwer vermittelbaren Werken Goethes. Wohl war es seinerzeit beim Publikum beliebt, aber die moderne Leserschaft goutiert weder die antikisierenden Hexameter, noch die biedere Bürgermoral des Textes, die in Sentenzen wie "Dienen lerne beizeiten das Weib" zum Ausdruck kommt.

Jedoch scheint die Geschichte vom tüchtigen, aber schüchternen Hermann, der sich in die schöne, edle Dorothea verliebt, heuer eine Aufwertung zu erleben. Im Oktober gestalteten Maria Happel und Martin Schwab eine vielgelobte szenische Lesung des Epos im Burgtheater, und der Wiener Pu-blizist Ulrich Weinzierl hat jetzt das langwierige Werk in ein kurzweiligeres "dramatisches Märchen" umgearbeitet Er geht dabei taktvoll mit dem Text um, behält Goethes Hexameter bei, streicht nur die epischen Passagen, konzentriert das Geschehen auf die wörtlichen Reden und ergänzt ein paar Regieanweisungen.

Und was ist der Grund für das neue Interesse am alten Text? Dorothea gehört einem Zug deutscher Ausgewanderter an, die aus dem Elsass über den Rhein gezogen sind, um dem Terreur der Französischen Revolution zu entkommen. Hermanns Vater missbilligt, dass sich sein Sohn in eine mittelose Hergelaufene verliebt, ändert aber seine Meinung, sobald er die junge Frau kennenlernt. Hier tun sich also Parallelen zur akuellen Flüchtlingskrise auf, wenn man danach sucht.

P.S.: Der Löcker Verlag wirbt für das Buch mit dem Slogan "Goethe für Flüchtlinge". Das ist ganz praktisch gemeint, denn alle Tantiemen aus dieser Veröffentlichung gehen an die Flüchtlingshilfe der Caritas.