Meister der Blickschärfung: John Berger (1926-2017). - © Eamonn McCabe/getty images
Meister der Blickschärfung: John Berger (1926-2017). - © Eamonn McCabe/getty images

Sein letztes Buch versammelt noch einmal zahlreiche seiner Essays über die Fotografie. Damit hatte sich der britische Kunstkritiker und Romancier John Berger zeitlebens beschäftigt - unter zahlreichem anderen und stets im Zusammenhang mit seinen vielbeachteten Untersuchungen zur ästhetischen Wahrnehmung, sei es von Bildern und Abbildern, sei es von Menschen, Städten, Landschaften, Tieren.

Ende der sechziger Jahre erlangte er durch seine BBC-Fernsehsendung "Ways of Seeing", der das Buch "Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt" folgte, nicht nur in England anhaltende Popularität. Kein anderer Kunstvermittler seiner Generation hat so viel Einfluss gewonnen auf die Wahrnehmung der hinter der Wirklichkeit verborgenen Bedeutung von Kunstwerken, ob aus der Vergangenheit oder der Gegenwart.

Kühner Ikonograph

John Bergers Methode war die einer kühnen Kombination von Wissen und Erfahrung, von Ikonographie und gegenwartsnaher Wachheit. Damit begründete er eine Schule der Blickschärfung, des Nahsehens. Schicht um Schicht der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte eines Bildes oder sonstigen Artefakts legte er frei. So entstanden überraschungsreiche Verbindungen von persönlicher Malerdisposition und Alltagsgeschichte, von ästhetischer Anschauung und gesellschaftspolitischer Einsicht. Berger war ein emphatischer Augenöffner der Kunst. Sein Erkenntnisinteresse stand diametral der L’art-pour-l’art-Auffassung entgegen, die sich auch gegenwärtig wieder hoffähig gemacht hat.

Seinen Weg zur Kunst und Kunstkritik fand John Berger nicht über die übliche akademische Ausbildung. Vielmehr absolvierte der 1926 geborene Londoner eine Kunstschule in Chelsea und wurde Maler. Seit den fünfziger Jahren verfasste er Kunstkritiken und Künstlerbiographien. Sein politisch geschärfter Blick auf die Kunst erregte im angelsächsischen Raum Aufsehen, obschon sich diese Sehweise in der deutschen kunstgeschichtlichen Tradition bereits eine Generation vor ihm durchgesetzt hatte. Walter Benjamin und Max Raphael waren die Wegweiser für seine sozialkritische Gesamtschau auf die Kunst.

Für den pragmatischen Engländer mag auch die handwerklich orientierte "Arts and Craft"-Bewegung seiner Landleute Morris und Ruskin von Einfluss gewesen sein, wenngleich ihm deren romantische Verklärung der Vergangenheit gänzlich zuwider lief. Mit seinem zweiten Romanexperiment "G"., einer erotischen Paraphrase auf Don Giovanni, entfachte Berger einen Skandal, den er noch übertraf, indem er den 1972 dafür erhaltenen Booker-Preis zur Hälfte der Black-Panther-Bewegung spendete - aus Protest gegen den durch Sklavenhandel reich gewordenen Preisstifter. Mit dem Rest des Geldes finanzierte er die wieder brandaktuelle Migrationsstudie "Der siebte Mensch".