Lantermann unterscheidet zwischen einem sehr wenig von Gefühlen beeinflussten "kalten" Denken - und einem weitgehend von Gefühlen gesteuerten "heißen" Denken, das in echtem Fanatismus münden kann. Aus seiner Sicht schreitet die Polarisierung der Gesellschaft in mehreren Bereichen voran, etwa auch in puncto Ernährung, wenn sich zum Beispiel fanatische Veganer vom Rest der Bevölkerung abgrenzen.

Allerdings konzentriert sich Lantermann vor allem auf das unterschiedliche Handeln, was Flüchtlinge anlangt - einerseits eine hilfsbereite Zivilgesellschaft, anderseits eine Steigerung der Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsheime um das Fünfzigfache zwischen 2011 und 2015, von 18 auf 1005 Fälle. Seine Sorge: "Wenn das politische und öffentliche Klima einer Gesellschaft immer stärker von den lautstarken Populisten und deren fanatischen Anhängern bestimmt wird, die sich Gewalt, Intoleranz, Kompromisslosigkeit, Hass und Feindseligkeit auf ihre Fahne schreiben, werden sich möglicherweise immer mehr ,zivilisierte‘ Menschen zurückziehen und sich nur noch ,privat‘ und nicht länger als engagierte Bürger in die Gesellschaft einmischen, die sie dann nicht mehr als die ihre begreifen. Es ist aus meiner Sicht höchst erfreulich und beweist die Entschlossenheit der ,Zivilisierten‘, dass viele von ihnen an ihrem bürgerschaftlichen Engagement festhalten, obwohl sie nicht nur von den Rechtsextremen, sondern auch von Teilen der politischen Elite als Gutmenschen, Moralisten oder ,Bahnhofsklatscher‘ diffamiert werden."

Als wohltuendes Plädoyer für die Hilfsbereitschaft als wesentliche humane Eigenschaft - wie sie auch das einleitende Goethe-Zitat proklamiert - hat Tillmann Bendikowski seine umfassende, gut geschriebene Kulturgeschichte des Helfens konzipiert: vom barmherzigen Samariter über Menschen wie Florence Nightingale oder ehrenamtliche Einsatzkräfte bei Katastrophen bis zu selbstlosen Fluchthelfern der Gegenwart - womit keineswegs gierige Schlepper gemeint sind! Doch eine Kultur des Helfens muss gepflegt werden, betont Bendikowski zu Recht - durch stete Anerkennung für die Helfer: "Das Helfen braucht selbst Hilfe - sonst geht es als kulturelle Errungenschaft verloren."