"Weißblende" bezeichnet die lose Verknüpfung verschiedener Szenen im Fernsehen, um zu zeigen, dass etwas Zeit vergangen ist. Wie viel Zeit ist wohl vergangen, seitdem Matilda die Schule verlassen hat? Matilda steht im Zentrum des Romandebüts "Weißblende" der Grazer Lyrikerin Sonja Harter.

Matildas Erwachsenwerden ist in enger Ich-Perspektive geschildert, dabei laufen zwei Erzählstränge parallel. Der Tod ihrer Mutter bei der Geburt ist ein Ereignis, das hinterfragt zu werden verdient. Es ist eine fast programmatische Metapher für das erwachende Selbstbewusstsein junger Menschen, dass den familiären Biografien gründlich misstraut wird. So ist auch die Skepsis an der väterlichen Version von Mutters Sterben ein Movens für Matilda, aus den vorformulierten Deutungen auszubrechen. Die Großmutter bringt sie auf die richtige Fährte, was mit ihrer Mutter passierte und vermittelt ihr ein grobes Verständnis dessen, welcher Mensch sie war.

Das Entdecken der Wahrheit wird durch das Schweigen des Vaters geradezu beschleunigt. Der schweigsame Mann stellt keinen Einzelfall dar, ist doch das Leben im entlegenen Kratzbach ohnedies von mangelnder Sprachmächtigkeit geprägt. Die atmosphärischen Schilderungen Harters zum Schulalltag und die stereotyp vor den Gefahren des Internet und vor Fremden warnende Direktorin bestätigen diese Sprachohnmacht.

Beschriebe man "Weißblende" als Missbrauchsgeschichte, wäre dies zu kurz gegriffen. Literatur ist in gewissem Sinn voller Weißblenden. Die enge Ich-Perspektive macht anschaulich, dass Matilda des Vaters Untermieter Bonmot erst sehr spät als Täter erkennen kann. Am Anfang ihrer Begegnung ist er ein Licht im Dunkel. Er ist nahbar, sprachlich wie körperlich. Er wird zu Matildas Vertrautem. Zeitgerecht folgt im Roman der Hinweis auf Nabokovs "Lolita".

Matilda, die vorbildliche und literarisch talentierte Schülerin, erhält vom Deutschlehrer - auch er ein Humanist mit pädophiler Neigung - eine Leseliste für den Sommer. Sie kommt jedoch aufgrund ihrer eigenen aufwühlenden Geschichte nicht dazu, Kleists "Erdbeben in Chili" zu lesen, in dem Rettung und Untergang untrennbar miteinander verwoben sind. Auch Matildas vermeintlicher Retter Bonmot erweist sich als Bote des Untergangs. Vom glamourösen Liebhaber entwickelt er sich zum kalkulierenden Zuhälter. Doch der Missbrauch bleibt für Matilda bis zum Schluss schwer als solcher zu fassen, da er zu eng mit ihrem eigenen, als wertvoll empfundenen Aufbruch verknüpft ist. In der Hinsicht eine wichtige, geradezu schonungslos aufklärende Lektüre.