Originelle Stimme Ungarns: László Darvasi, 1962 in Törökszentmiklós geboren. - © Ullsteinbild
Originelle Stimme Ungarns: László Darvasi, 1962 in Törökszentmiklós geboren. - © Ullsteinbild

In einem Interview berichtete László Darvasi jüngst von einem Erlebnis, das er als junger Mann hatte. Eines Tages habe er seine Großmutter tot auf dem Boden in der Küche gefunden, doch statt erschrocken oder erschüttert zu sein, habe er nicht anders gekonnt, als laut zu lachen. Er habe sich in diesem Moment wie von außen gesehen, so als würde nicht er, sondern ein Fremder lachen. Genauso gehe es ihm mit dem Schreiben.

Nun, gestorben wird tatsächlich viel in den Geschichten des ungarischen Autors, zumeist auf natürliche Art, nicht selten aber auch gewaltsam und von fremder Hand. Insofern haftet ihnen naturgemäß etwas Tragisches und Düsteres an. Und doch ist bei aller Finsternis die Komik, das Lachen nie weit entfernt. Wie in der Geschichte vom Vater, der sich bei einem Sturz von der Leiter schwer verletzt. "Ich wurde nicht gesund. Ich blieb so, wie ich war, bewegungsunfähig, wie ein Misthaufen, der höchstens größer werden kann. Alles rückte in die Ferne und alles war überaus klar. Zum Beispiel, was wichtig war und was nicht."

Gewalt und Tod

Schon bald aber fällt der Gelähmte seinem Sohn und der Schwiegertochter zur Last, und so verkaufen sie ihn auf dem Markt. Ein Unternehmer ersteht ihn für ein paar tausend Forint und legt ihn in Budapest an belebten Straßen ab, damit er dort für ihn bettelt.

Dann wird der Krüppel weitergereicht, er fungiert als Kunstobjekt in einer Ausstellung und wird für Film- oder Theaterproduktionen verliehen. Schließlich landet er irgendwann auf der Straße und dann im Gefängnis. Dort teilt er sich die Zelle mit einem Mörder, der ihm erklärt: "‚Alter, wir sterben sowieso‘, sagte er und biss ein halbes Hotdog weg. Ketchup spritzte mir ins linke Auge. ‚Weißt du, Alter, ich töte gerne.‘ Wieder biss er ein Stück ab. Jetzt spritzte mir Ketchup ins rechte Auge. Ich konnte nichts mehr sehen. Es wurde dunkel, ketchupdunkel. (. . .) Ich hörte, wie der Kleinkiller versonnen vor sich hin schmatzte. ‚Für dich ist es besser und für mich auch‘, schmatzte er. Ich verstand, was er sagen wollte. Ich hätte genickt, hätte ich nicken können. ‚Ciao, Alter‘, sagte Kleinkiller und senkte seine gewaltigen, schützenden Hände auf mein Gesicht."

Der Ich-Erzähler befindet sich zum Zeitpunkt des Erzählens also schon im Jenseits, er erzählt die Geschichte nicht uns, sondern sich selbst - und vor allem Gott, dem, wie er findet, treuesten Zuhörer, den es gibt.

Gewalt und Tod geschehen in diesen Novellen oft fast beiläufig, ohne wirklichen Grund. Man schlägt halt zu oder ertränkt, wie ein furchtbar dickes, von Geburt an behindertes Mädchen, ein paar Jungs beim Baden im Meer. Einmal kommt sogar eine ganze Militärkapelle ums Leben, als der Bus auf dem Weg zu einem Konzert in einer Nervenklinik verunglückt. Nur der Trommler überlebt und macht sich trotz leichter Verletzungen pflichtbewusst auf in die Anstalt, um allein das Konzert für die Patienten zu bestreiten.

Surreal & parabelhaft

Der 1962 geborene Darvasi schreibt zwar auch Romane - "Die Legende von den Tränengauklern" (2001) hat ihn hierzulande bekannt gemacht -, doch sein eigentliches Metier ist schon seit längerem die kleine Form.

Seine kurzen, meist nicht mehr als zehn Seiten umfassenden Novellen entsprechen beinahe idealtypisch der Goethe’schen Gattungsdefinition: Sie schildern eine "unerhörte Begebenheit", sind straff komponiert und verhandeln in verdichteter Form grundlegende Fragen menschlicher Existenz. Sie sind überdies mit einer gewissen Distanz erzählt, die das Geschehen regelmäßig ins Absurd-Surreale und ins Parabelhafte kippen lässt. Man fühlt sich mitunter an Kafka erinnert, wobei Darvasis Geschichten deutlich näher an der Wirklichkeit und weitaus abgründiger sind.

Berichtet wird von den Rändern der Gesellschaft, von Außenseitern und von Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Und doch leuchtet inmitten der Finsternis, der Mühsal und der Gewalt immer wieder so etwas wie menschliche Wärme, ja, wie Liebe auf. Darvasis Novellen sind schrecklich düster, furchtbar komisch und nicht selten fürchterlich anrührend. Es ist ein ganz eigener literarischer Kosmos, der dem Leser hier entgegentritt, und wer sich auf ihn einlässt, spürt, was wirklich große Literatur vermag.