Meisterhaft: Jonathan Safran Foer. - © Jeff Mermelstein
Meisterhaft: Jonathan Safran Foer. - © Jeff Mermelstein

Auf die Werbesprüche von Verlagen muss man für gewöhnlich nicht viel geben, hier aber trifft der Superlativ ins Schwarze: "Das internationale literarische Großereignis": Sechs Jahre nach seinem letzten Buch ("Tiere essen") und elf Jahre nach seinem letzten Roman ("Extrem laut und unglaublich nah") legt der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer einen Familienroman vor, der sich absolut auf der Höhe der Zeit befindet. Anfangen lässt er seine Geschichte wie ein Theaterstück von Yasmina Reza, indem er die Eltern des Schülers Sam zum Rabbi bittet, weil ihr Sohn unerhört schmutzige Wörter verwendet haben soll. Das ist freilich nur der Auftakt zur turbulenten Ehegeschichte zwischen Julia und Jacob. Beide sind um die vierzig, seit 16 Jahren verheiratet und haben drei gemeinsame Söhne.

Routinierte Erzfeinde

Aus den überschwänglich Liebenden von einst sind längst routinierte Erzfeinde geworden. Dabei sind sie eine ziemlich normal daherkommende amerikanisch-jüdische Familie mit weltlichen Gewohnheiten und religiösen Traditionen. Julia ist Architektin und kann sich vieles anders vorstellen in ihrem Leben, während Jacob selbst für Gedankenspiele der rechte Schwung zu fehlen scheint.

Er ist die Hauptfigur des Romans und verdient mit dem Schreiben von Fernsehserien sein Brot. Beide erfahren am eigenen Leib, wie das Leben mit den Jahren an Sexappeal einbüßt. Alles, was sie durchmachen, haben hunderttausende Paare vor ihnen durchgemacht, was selbstredend niemandem weiterhilft.

Safran Foer gelingt es, ganz normale Familiensituationen ad absurdum zu führen und dabei mit Höchstgeschwindigkeit in die Sackgassen des Lebens einzufahren. Gewöhnliches Gezänk am Küchentisch veredelt er zu rasanten Dialog-Arien, die auch deswegen so schreiend komisch sind, weil sie wahrhaftig tönen. Jüdischer Humor hin oder her, das liest sich wie Woody Allen auf Speed oder eben wie eine der Fernsehshows, die Jacob schreibt, wiewohl Foer eingespielte Lacher vom Band kein bisschen nötig hat

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Einer der schönsten Einfälle besteht darin, Jacob an der Pinkelrinne einer Flughafentoilette auf Steven Spielberg treffen zu lassen. Darüber hinaus versteht es der Autor, alles in den Roman hineinzupacken, was das Leben ausmacht. Vorwerfen könnte man ihm höchstens, dass sich manch eine Lebensweisheit zu schmerzlos ins reale Leben fügt.

Die tobende Rasanz des Romans ergibt sich daraus, dass er ganz überwiegend aus Dialogen besteht, welche die Pointenhaftigkeit des Seins beschwören. Die schnelle kurze Replik in solchen Streitereien vermag das Englische normalerweise weitaus knapper, bissiger und besser auf den Punkt zu bringen. Henning Ahrens aber gelingt es, all dies bewunderungswürdig ins Deutsche zu retten.

Heraus kommt ein Roman über die ewigen Themen Alter, Tod und Liebe. Ein Roman, der vom Überlebenswillen inmitten virtueller wie ritueller Welten und deren Bedrohungen erzählt. Die private Sphäre mitsamt ihren Ehe- und Familienproblemen sowie Mitte-des-Lebens-Krisen bilden den einen Erzählstrang des Romans.

Jüdische Kollektivseele

Der andere ergibt sich aus einer Katastrophe, die den Staat Israel ereilt und die hier nicht vorweggenommen werden soll. Nur so viel: Zerstörung wütet allenthalben, wobei der Roman tiefe Einblicke in die jüdische Kollektivseele gewährt. Der Familienname lautet wohl nicht zufällig Bloch ("Das Prinzip Hoffnung"). Die jüdische Identität und jüdische Zerwürfnisse dienen als Spielball in einer literarischen Screwball-Komödie, die poetische und pathetische Momente nicht scheut und geschickt mit verschiedenen Textsorten hantiert.

Foer erweist sich dabei als versierter Katastrophenzeremonienmeister, der die Eruptionen des Lebens und der Weltgeschichte dirigiert. Schauplatz ist Washington D.C., und als Leser kommt man nicht umhin, den erst nach Erscheinen des Romans gewählten Präsidenten Donald Trump hineinzulesen. Er fügt sich bestens in die übergeschnappten Einfälle dieses vor Gegenwart und Lebenserfahrung strotzenden Romans.