"Schreiben ist für mich kein Akt des freien Willens, es ist eine Frage des Überlebens", hat Paul Auster kürzlich in einem Interview bekannt. Dementsprechend liest sich auch sein gigantischer Roman "4321". Es ist ein opulentes biografisches Verwirrspiel, ein höchst ambitioniertes literarisches Rätsel, ein ausschweifendes Zeitpanorama - vor allem aber auch eine bilanzierende Selbstbefragung eines verdienstvollen Autors.

Im Mittelpunkt dieser viergeteilten Biografie steht Archibald Ferguson, der in den 1950er Jahren in Newark (wie der Autor selbst) aufwächst. Aus alternierenden Perspektiven begegnet der Leser vier unterschiedlichen Lebensbildern des Protagonisten.

Gleich viermal erleben wir Schulbesuche, Irrungen und Wirrungen der Pubertät, den ersten Sex und die Tragik der ersten Liebesunglücke. "Was, wenn ich in einem anderen Land geboren worden wäre? Was wäre, wenn mein Vater gestorben wäre, als ich sieben war? Was wäre, wenn? Alle möglichen Was-wäre-Wenns. Dieses Buch gab mir die Möglichkeit, das durchzuspielen", erläutert Auster den Reiz seines großen biografischen Erzählmonstrums.

Weniger ist mehr

Der Roman trägt den rätselhaften Titel "4321", weil die vier Archie-Varianten nicht gleich lange leben: der erste stirbt mit 13, am Schluss bleibt nur einer übrig. Mal betreibt Vater Ferguson ein kleines Elektrogeschäft, mal kommt er in jungen Jahren bei einem Brand ums Leben, die Mutter ist Hausfrau oder eine berühmte Fotografin. Das erfordert vom Leser reichlich Ausdauer - wie auch die Bereitschaft, sich auf all die spielerischen Wendungen des Autors uneingeschränkt einzulassen.

Angesichts des gigantischen Umfangs ist es kein Wunder, dass längst nicht alle Passagen in diesem, im Vorfeld mit allerlei Superlativen bedachten Romans überzeugen können. "Es war Ende Januar 1944. In Russland hatten die neunhundert Tage der Belagerung Leningrads ein Ende gefunden, bei Monte Cassino wurden die Alliierten von den Deutschen aufgehalten, im Pazifik bereiteten die Amerikaner einen Angriff auf die Marshall-Inseln vor, und an der Heimatfront, am Rand des Central Park in New York City, machte Stanley Rose einen Heiratsantrag." - So etwas würde man in einem Geschichtsbuch für die Mittelstufe gerade noch tolerieren, in einem ausgewachsenen Roman eines Autors, der immer wieder in die Nähe des Nobelpreises gerückt wird, wirkt es eher befremdlich. Etwas weniger hätte bei "4321" mehr sein können. Auch der zuckersüße Schluss kann nicht wirklich überzeugen: "Er war verheiratet mit einer Frau namens Happy."

Austers Schriftstellerkarriere begann einst ziemlich holprig. Das Manuskript seines Romans "Die Stadt aus Glas" hatte er an 17 Verleger geschickt und zunächst nur Ablehnungen kassiert. Trotzdem hat der US-Autor weiter geschrieben und seit Abschluss seiner "New-York-Trilogie", deren Eröffnungsband der einst verschmähte Roman "Die Stadt aus Glas" war, Ende der 1980er Jahre Kultstatus erlangt. Seine Bücher sind inzwischen in mehr als 30 Sprachen übersetzt und interna-tional ausgezeichnet worden (zuletzt 2006 mit dem hochdotierten Prinz-von-Asturien-Preis).