Kurt Palms Roman "Strandbadrevolution" spielt im Sommer 1972, in dem die Amerikaner Nordvietnam bombardieren. Im Strandbad warten nicht nur die ersten amourösen Abenteuer auf Ernst und seine Freunde - das Strandbad ist auch der ideale Ort, um mit rebellischer Attitüde den Aufstand gegen Establishment und Spießbürgerlichkeit zu proben und den politischen Umsturz herbeizuphantasieren.

Ernst, der sich nach seinem großen Idol Mick Jagger von den Rolling Stones einfach Mick nennt, liebt ausgefallene Kleidung (so stolziert er im Sommer im schwarzen Wintermantel durch den Ort), lange Haare ("Federn"), und leistet sich den Luxus einer eigenen Meinung. Sein Vater ist Schweißer, seine Mutter Hausfrau, deren größte Sorge darin besteht, immer eine prall gefüllte Tiefkühltruhe zu haben.

Nachkriegszeit

Die Eltern sind geprägt von der Aufbauzeit der Nachkriegsjahre. Das spießbürgerliche, von vielen Pflichten, Zucht und Ordnung dominierte Familienleben in der Provinz fordert den Widerstand und das rebellische Aufbegehren der Jugendlichen nachgerade heraus. Kurt Palm ist mit diesem Buch ein Entwicklungsroman der ganz besonderen Art gelungen - eine überaus lesenswerte Mischung aus Coming-Of-Age-Geschichte, Gesellschaftsroman, Zeitreise in die Siebzigerjahre und Sozialstudie, voll von skurrilen Erzählideen und aberwitzigen Entwicklungen.

Der Sound der Siebzigerjahre und das Strandbad als Ort der Sozialisation bilden den Rahmen für die politischen und sexuellen Erweckungserlebnisse der jugendlichen Protagonisten. Der Traum vom Anderssein, die Leidenschaft für die Musik und ihre zwar naive, aber aufrichtige Sorge um die Welt, in der sie leben, eint die Jugendlichen. Und lässt sie von der Revolution träumen, die jedoch scheitert, bevor sie noch richtig begonnen hat. Das Verteilen von Flugblättern zieht Ordnungsstrafen nach sich, und eine kämpferische Parole, die auf der Fassade der örtlichen Bank für Aufsehen sorgen sollte, wird unglücklicherweise zu einem - noch dazu falsch geschriebenen - Spruch auf der Kirchenmauer: "Ora et devlora".

Die umstürzlerischen Träume erweisen sich sehr rasch als trügerische Hoffnungen, und aus verheißungsvollen Ab- und Aussichten erwachsen ebenso rasch Enttäuschung und Ernüchterung. Kurt Palms Roman ist dennoch kein Abgesang auf jugendliches Aufbegehren. Palm verrät seine Romanfiguren nicht - er zeichnet sie in ihrer anrührenden Unbeholfenheit auf der Suche nach dem richtigen und glücklichen Leben, macht ihr Denken und Handeln nachvollziehbar und zeigt in geschickt eingebauten, vorausblickenden Romaneinschüben, was viel später aus ihnen werden wird. Nicht genug damit, dass die ersten amourösen Abenteuer unglücklich enden (während eines Campingurlaubes in Jugoslawien lernt Mick eine junge Holländerin kennen, erlebt sein "erstes Mal", verliebt sich Hals über Kopf, um dann enttäuscht feststellen zu müssen, dass sie mit ihrer Familie völlig überstürzt abreist), wird Mick auch noch von mehreren erbarmungslosen Schicksalsschlägen getroffen.

Schicksalsschläge

Der Unfalltod der Mutter, der allzu frühe Tod seines Bruders Hendrix - eigentlich Heinrich -, der gewaltsame Tod seines Großvaters, der nach jahrzehntelangem Streit wegen eines Grundstücksgrenzverlaufs vom Nachbarn erschossen wird, und der Selbstmord seines besten Freundes Siegfried, der sich Candy nennt und mit gestohlenen Büchern aus der Ortsbuchhandlung (alles von Sartre und Camus) für den gedanklichen Unterbau der Strandbadrevolution sorgte - all das lässt die rebellischen Träumereien der Jugend bald zu verblassenden Erinnerungen werden.

Kurt Palm ist mit dem Roman "Strandbadrevolution" das Kunststück gelungen, ein zugleich kluges, humorvolles, aufklärerisches und berührendes Buch zu schreiben.