"Es ist die Kunst, die es uns ermöglicht, die Grenze vom Leben zum Tode niederzureißen", heißt es - durchaus charakteristisch für Hartmut Langes Gesamtwerk - in der Novelle "Die Cellistin" aus dem Band "Das Haus in der Dorotheenstraße (2013).

In den Novellen dieses höchst gelungenen Buches geht es noch geheimnisvoller und absurder zu als bei Hartmut Lange ohnehin schon üblich. Krähenschwärme ziehen ihre Kreise, dunkle Schatten lösen kaum zu beschreibende Ängste aus. Immer geschehen geheimnisvolle Dinge, oft sind es vermeintliche Alltagsbanalitäten, die die Figuren aus der Bahn werfen und in ein Gedankenchaos tauchen. Wie fremd-determiniert streunt das Lange-Personal hilflos durch den Alltag; das Unterbewusstsein diktiert das Handeln.

Heidegger, Camus, Nietzsche und Schopenhauer bilden das philosophische Fundament, auf dem der Berliner Hartmut Lange seine subtil konstruierten Erzählwerke aufgebaut hat.

Begonnen hatte er in der DDR als Dramatiker an der Seite von Peter Hacks, zwar als Epigon des Brechtschen Theaters, doch durchaus kritisch gegenüber der sozialistischen Gesellschaft. Lange, am 31. 3. 1937 im Berliner Stadtteil Spandau als Sohn eines Metzgers geboren, lebt abwechselnd in Berlin und in der Toskana. Er mutierte vom "überzeugten Marxisten" zum "positiven Nihilisten", der in der Novelle sein adäquates literarisches Medium fand: "Sie ist für mich Ausdruck der Ratlosigkeit, denn ich bin mir selbst ein Rätsel". Seine Texte wollen erobert werden - als Denkspiele, die das Grenzgebiet zwischen Wahrheit und Sinnestäuschung erkunden.

Hartmut Lange wurde 1998 mit dem Konrad-Adenauer-Literaturpreis ausgezeichnet; er ist nicht nur einer der letzten großen Meister der Novelle, sondern auch ein Virtuose des bis ins kleinste Detail geschliffenen Stils.