Natascha Wodin erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse 2017. - © Susanne Schleyer / autorenarchiv.de
Natascha Wodin erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse 2017. - © Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

Natascha Wodins Roman über das Schicksal ihrer Mutter galt nach Meinung mancher Kritiker als Favorit für den Leipziger Buchpreis. Sie behielten Recht. Dieses Buch sticht in der Tat heraus, die Ehrung kam wohlverdient. Die Autorin nämlich hat eine wahre Geschichte zu erzählen, die ihre Eindringlichkeit aus dem Umstand bezieht, dass sie Wodins eigenes Leben betrifft, zugleich aber einen ihr selber zuvor unbekannten Ausschnitt aus der grauenhaften Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts beleuchtet: das Schicksal der osteuropäischen Zwangsarbeiter.

Bieten Verlage noch jeder jungen Künstlerexistenz aus Berlin-Mitte, die sich auf einen jüdischen (Ur-)Großelternteil berufen kann, ein Forum, um ihr transgenerationelles Holocaust-Trauma publicityträchtig aufzuarbeiten, so wissen wir beschämenderweise so gut wie nichts über die Verbrechen, die an den sogenannten Ostarbeitern verübt wurden und jenen des Genozids am europäischen Judentums in vielen Bereichen durchaus gleichkamen.

Irrungen & Wirrungen

Wodins Eltern waren solche Zwangsarbeiter. Dass sie beide das menschenunwürdige Lagersystem überlebten, ist mehr als nur ein Wunder. Beide stammten aus der Ukraine und landeten nach vielen Irrungen und Wirrungen voller Grauen und permanenter Todesgefahr nach Kriegsende in Nürnberg, wo die Autorin - in der Schule wie in Bayerns Nachkriegsgesellschaft als "Russin" diskriminiert - in einem Ghetto für "displaced persons" aufwuchs. Zehn Jahre ist Wodin alt, so berichtet sie eingangs, als ihre Mutter eines Tages verschwindet, um sich zu ertränken.

Die 1920 geborene Jewgenia Jakowlewna Iwatschtschenko war eine zutiefst traumatisierte Frau. Angesichts ihres nur schwer vorstellbaren Schicksals erscheint es fast schon erstaunlich, dass sie das Todesurteil, welches die Vernichtungsideologien von Hitler wie Stalin über sie gesprochen haben, erst so spät an sich selbst vollstreckt. Von ihrem Leidensweg erfahren wir, fast schon wie in einer Detektivgeschichte, anhand der Nachzeichnung der Recherchen über den familiären

Hintergrund der aus Mariupol am Asowschen Meer stammenden Mutter, die Wodin im Internet anstellt. Dort trifft sie einen Hobbygenealogen, dessen detailliertes Wissen und Kontakte es - ergänzt mit einer gehörigen Prise glücklichen Zufalls - ermöglichen, schrittweise die ganze Familiengeschichte mütterlicherseits aufzuschlüsseln. Was Wodin dabei entdeckt, ist mitunter entsetzlich.

Noch grauenhafter aber sind die politischen Umstände, unter denen die Mutter aufwachsen muss. Sie umfassen den ganzen Wahnsinn der totalitären Geschichte des 20. Jahrhunderts: Verschleppungen, Plünderungen, Deportationen, Hungersnöte, Kriegswillkür und Revolutionsexzesse, Klassenhass wie rassistischen Nationalismus, und, nicht zu vergessen, die menschenverachtenden Arbeitslager beider Ideologien.

Am bestürzenden Fallbeispiel von Wodins Mutter lässt sich studieren, wie ein Individuum unter menschenunwürdigen Bedingungen seine Existenzgrundlage verliert, indem ihm die Würde genommen, der Körper ruiniert und die Seele zerstört werden.

Literarisches Denkmal

Dass das literarische Denkmal zur Erinnerung an die Mutter den Leipziger Buchpreis bekommen hat, sorgt zumindest für ein wenig poetische Gerechtigkeit angesichts der ungeheuerlichen Opferbiografie, die in diesem wahren Roman aufgerollt wird.

Außerdem ist "Sie kam aus Mariupol" angesichts der gegenwärtigen Lage, in der wieder einmal viele unschuldige Menschen vor Krieg und Verfolgung flüchten, von einer bedrängenden Aktualität: Wer unter ihnen wird uns einmal die Geschichte ihrer Todesängste und die Schuldgefühle darüber, überlebt zu haben, erzählen?