Leonid Ossipowitsch Pasternak: Illustration (1899) zu Tolstois Roman "Auferstehung". - © Ullsteinbild
Leonid Ossipowitsch Pasternak: Illustration (1899) zu Tolstois Roman "Auferstehung". - © Ullsteinbild

Reue ist ein starkes Motivin der Literatur. Noch stärker verlockt die vorangegangene Sünde zur Darstellung. In Tolstois Spätwerk, dem Roman "Auferstehung", ist es umgekehrt. Da sitzt einer, der als junger Herr einst eine Dienstmagd verführt hat, nach Jahren mit einem Mal als Geschworener über sie vor Gericht. Die geschwängerte Verlassene ist vom vorgezeichneten rechtschaffenen Weg abgekommen, geriet als Prostituierte in einen Giftmordverdacht und hat sich nun der weltlichen Gerichtsbarkeit zu stellen. Den hochadligen Verführer aber überfallen heftige Schuldgefühle. Bis zur Unerträglichkeit peinigen ihn späte Gewissensbisse. Erst eine innere Umkehr vermag ihn von dem Druck zu befreien.

Der Erzählstoff der erst verführten, dann im Stich gelassenen jungen Frau ist zunächst vor allem eines: viel frequentiert. Von den Anklagestücken des deutschen "Sturm und Drang" über die "Kameliendame" des jüngeren Dumas, die als Verdis "La Traviata" bekannter wurde, bis zu den jungen Dichter-Herren des Wiener Fin de Siècle mit ihren Dienstmädchen-Affären ist das Motiv weidlich abgehandelt worden. Von selbstgefällig bis sentimental, von tragisch bis zynisch reicht die Palette, mit der solche Schicksale ausgemalt wurden.

Läuterung

Nicht so bei Tolstoi: Er will seinen Verführer einer radikalen Reue und Einsicht zuführen. Nicht die Tragödie der missbrauchten Frau steht bei ihm im Mittelpunkt, sondern die Läuterung eines zu edler Wiedergutmachung und blütenreiner Menschlichkeit findenden Sünders. So lässt er in seinem Protagonisten Fürst Nechljudow den Entschluss reifen, die Gefangene zu heiraten und ihr bis in die Verbannung nach Sibirien, in die Strafkolonie Katorga, zu folgen.

Soviel überlebensgroße Selbstlosigkeit zehrt an der künstlerischen Glaubwürdigkeit des Romans. Als Erste erkennt die betroffene Frau diese moralische Schieflage: "Du willst durch mich dein Seelenheil retten", schleudert sie ihm entgegen. "Du hast durch mich in deinem Leben deinen Genuss gehabt, durch mich willst du dich jetzt auch in jener Welt erretten!"



Es wäre indes nicht Tolstoi, wenn in diesem Spätwerk nicht wahre Schätze seiner großartigen Erzählkunst zu entdecken wären. Tolstois große epische Werke waren schon immer Gesellschaftsromane. Meisterhaft vermag der Autor auch hier das Milieu der russischen Gesellschaft seiner Zeit darzustellen. Als Sohn von Großgrundbesitzern, der sich mit Leib und Seele dem Bauerntum verschrieben hatte, kannte er alle sozialen Schichten und machte sich erzählend dieses Wissen zunutze.

In seinem im Alter von 71 Jahren fertiggestellten Roman-Spätling nimmt Tolstoi einen heftigen Kampf gegen Macht- und Geldgier im Zarenreich auf, auch gegen die Arroganz der russisch-orthodoxen Kirche und die Unfähigkeit der damaligen Bürokratie. Tolstoi nützt seine reichen Kunstmittel, um dem verschnarchten und korrupten Straf- und Justizsystem seiner Zeit eine geharnischte Anklage entgegenzuschleudern.

Durch eingehende Feldforschung in Gerichtssälen und Amtsstuben hatte er sich kundig gemacht. Auch der Erzählstoff des reuigen Sünders war ihm von einem Freund aus einem aktenkundigen Fall zugetragen worden.

Gegen Verlogenheit

Der Roman spiegelt Tolstois ganz persönlichen Kampf gegen die Verlogenheit und Ungerechtigkeit des herrschenden politischen Systems in Russland wider, wie in dem Werk auch die persönlichen Schuld- und Reuemotive des zwischen Herkunft und Askese, Trieb und Bekehrung hin- und hergerissenen Autors spürbar sind. "Nechljudow erinnerte sich auch an das Gefängnis, die rasierten Köpfe, die Zellen, den ekelhaften Gestank, die Ketten und daneben - an den wahnwitzigen Luxus seines eigenen und des ganzen städtischen und hauptstädtischen herrschaftlichen Lebens", heißt es nicht ohne Selbstanklage. Der adelige Grundbesitzer Lew Tolstoi, Patriarch einer großen Familie und begehrlicher Faun, der auf seinem Hof den Mägden nachstellte, suchte in der Verkündigung von selbstloser Liebe und sexueller Enthaltsamkeit vergeblich nach Sühne und Erlösung. Mit 82 Jahren trieb den Dichter die Verzweiflung an der Welt und an sich selbst in die Flucht von seinem Gut und in den Tod an einer Bahnstation.

Unübertroffen sind in "Auferstehung" Tolstois Naturschilderungen. Sie bezeugen einen Zauber, der einer tiefen inneren Verbundenheit des Autors mit der Schöpfung entsprach. Das sind die Stellen, für die man den Erzähler vorbehaltlos verehren kann (und die in Barbara Conrads feinnerviger Neuübersetzung besonders glänzen): "Am Vortag hatte es den ersten warmen Frühlingsregen gegeben. Auf einmal grünte es überall, wo nicht gepflastert war; die Birken in den Gärten verstäubten grünen Flaum, Traubenkirschen und Pappeln entfalteten ihre langen duftenden Blätter, und in den Häusern und Geschäften wurden die Vorsatzfenster abgenommen und gesäubert. Auf dem Trödelmarkt, an dem Nechljudow vorbeifahren musste, wimmelte es bei den Buden nur so von Menschen, liefen Zerlumpte herum mit Stiefeln unter dem Arm oder hatten gebügelte Hosen und Westen über die Schulter geworfen. (. . .) Auf den Gehwegen der Boulevards und dem grünen Rasen liefen, spielten Kinder und Hunde, und die fröhlichen Kinderfrauen auf den Bänken unterhielten sich miteinander."