Rosemarie Poiarkovs Roman "Aussichten sind überschätzt" ist vieles zugleich: ein Generationenporträt, ein Familienroman, literarische Vergangenheitsbewältigung und Gesellschaftsstudie. Die 1974 in Baden bei Wien geborene Autorin verweigert in ihrem ersten Roman - bisher hatte Poiarkov den Erzählband "Eine CD lang" (2001) und die Erzählung "Wer, wenn nicht wir?" (2007) veröffentlicht - sowohl eindeutige Genre-Zuschreibungen als auch klassische Erzählstrategien mit ihren vorgefertigten und absehbaren Mustern.

Ihr Debütroman entfaltet sich entlang semidokumentarischer Beobachtungen, blickt genau, aber stets mit großer Anteilnahme auf das Leben seiner Protagonisten und kreist gekonnt um die existenziellen Fragen zwischen Prekariat, Sozialabbau, Eskapismus und Holocaust. In fünf Kapiteln lässt die Autorin die Leser am Alltag ihrer Romanprotagonisten teilhaben und führt zugleich auf gewitzte Weise deren ganz unterschiedliche Lebensmodelle vor.

Die Ich-Erzählerin Luise verdient ihren Lebensunterhalt als Fremdsprachen-Lehrerin und der Leser lernt sie während ihres Fluges zu einer Fachkonferenz nach Mexiko kennen. Dort, auf dem Flohmarkt von Guadalajara, entdeckt die Romanheldin eine zylinderförmige Dose mit der geheimnisvollen Aufschrift "Es spricht das Luberl. Praterstraße 64 Wien, 3. April 1903". Die Dose erweist sich als Wachswalze, und dieses frühe Tondokument bildet den Ausgangspunkt für eine Spurensuche, die bald das gesamte Romanpersonal beschäftigt und die Fragen aufwirft, die alle betreffen - mehr als ihnen lieb ist.

Sei es der alte Josef Grasl, Luises Vater, Kettenraucher mit jüdischen Wurzeln, der sich mehr und mehr seiner Vergangenheit stellen muss; Luises bester Freund Milan, der sich trotz gutem Auskommen als Bauzeichner realitätsverweigernd der tiefen Sehnsucht nach der unerreichbaren Schönheit Zorica aus Novi Sad hingibt; oder Luises Freundin Julia, alleinerziehende Mutter und Kindergärtnerin, die mit der Pflege ihrer alkoholkranken Mutter zusehends überfordert wirkt.

Einzig Luises Lebensgefährte Emil, Archivar in einem Tonmu- seum, wirkt glücklich und zufrieden und scheint sein Dasein so zu schätzen, wie es ist - weniger mit dem Verstand, sondern mit der Seele. So lauscht er gerne der Stille oder den Geräuschen der Alten Donau, dem Knacken aufbrechenden Eises und dem Lärm stark befahrener Straßen und sammelt im Field-Recording-Verfahren Aufnahmen für sein privates Tonarchiv.

Rosemarie Poiarkov verfügt über die Fähigkeit, aus der Beobachtung des Alltäglichen und der Erforschung des Beiläufigen Erkenntnisse von großer Allgemeingültigkeit zu gewinnen. In ihrem Debütroman verknüpft sie gekonnt Gegenwart und Vergangenheit, Alltägliches und Geheimnisvolles, stellt Fragen, lässt Antworten offen und Rätsel ungelöst, und wirft einen menschenfreundlichen Blick auf das Leben von Menschen, die mit den Ansprüchen der Gesellschaft nicht mithalten können oder wollen, die ausscheren und versuchen ihren eigenen Weg zu finden.

Mit seiner gelungenen Mischung aus gewitzter Erzählidee - die Entdeckung der geheimnisvollen Wachswalze weckt sofort die Neugierde der Leser - und sprachlicher und formaler Finesse - der Tonfall in diesem Buch reicht von lakonisch über selbstironisch bis schelmisch, Traumsequenzen, Montagetechniken und Zitate fügen sich wie selbstverständlich in den Erzählfluss - ist der österreichischen Autorin trotz des Verzichts auf eine lineare Erzählchronologie das Kunststück gelungen, einen literarisch versierten und zugleich doch gut lesbaren Roman zu schreiben.