Mit dem Buch "Rotlicht" auf dem "blauen Sofa" der Leipziger Buchmesse zuletzt: Nora Bossong - © Picasa/Creative Commons
Mit dem Buch "Rotlicht" auf dem "blauen Sofa" der Leipziger Buchmesse zuletzt: Nora Bossong - © Picasa/Creative Commons

Den kunstvollen Umgang mit dem Vagen, Offenen und Düsteren entdeckte die Kritik als Gemeinsamkeit von Nora Bossongs ersten beiden Büchern, dem Roman "Gegend" (2006) und dem Gedichtband "Reglose Jagd" (2007). Es geht um Ambivalenz, das Öffnen von Freiräumen und die Diskussion von Fragen, die auch den Leser herausfordern.

Dazu gehören dann notwendig auch das Gesellschaftliche und das Politische. So entstanden ein weiterer Gedichtband und drei brisante Romane, zuletzt "36,9°" (2015), ein einerseits sorgfältig recherchiertes, andererseits raffiniert geknüpftes, fiktives Handlungsgeflecht um den italieni-schen Journalisten, marxistischen Philosophen und Politiker Antonio Gramsci, der 1921 die PCI mitgründete und dem Parteiorgan vorstand. Ein bisher schon beachtliches Werk der 1982 in Bremen geborenen und in Berlin lebenden Autorin.

Mit dem Reportagenband "Rotlicht" erobert sich die Erzählerin und Lyrikerin, die die Wörter differenziert zu setzen weiß, ein neues Terrain: die Erarbeitung eines umstrittenen Themas, das bis in die Abgründe der eigenen Tabus und Verdrängungen reicht. Sexualität und Liebe stehen zur Diskussion, das Geschlechterverhalten, Tradition und Emanzipa- tion, Aggression, Gewalt und Regression - eine ganze Palette von gesellschaftlichen, philosophischen und moralischen Fragen.

Nora Bossong begab sich fast ein Jahr lang zu Recherchen in die Niederungen einer Männerwelt, in der Frauen angeblich nichts verloren haben, die aber ohne Frauen gar nicht existieren könnte. Der Gestus der Reportagen ist im Motto, einem Satz von Georges Bataille, angelegt: "Die Wahrheit der Erotik ist tragisch".

Am Beginn steht die Erinnerung an die eigene Jugend: "Meine Pubertät begann, als mir der zweite exotische Ort am Bremer Bahnhofsvorplatz bewusst wurde: der Beate-Uhse-Laden." Die Spießigkeit ist inzwischen einer aseptischen Cleanness gewichen. Fast 25 Jahre später sind die erotische Welt, die Sexindustrie und die Pornographie für alle und jeden erschlossen, zur Erfüllung aller denkbaren Käuferwünsche. Und trotzdem ist es eine Männerwelt geblieben: "Als Frau kann man lediglich käuflich sein, sobald es um das Geschäft mit der Lust geht" ist ein frühes Fazit in diesem Buch. Die Erzählung von unserer Sexualität, der Lust und was sie aus uns macht, ist und bleibt schmerzhaft - auch wenn sie mit Charme und Geist garniert ist.

Nora Bossong rührt am Tabu, versucht sich auch als zahlende Mitspielerin oder Interviewerin - und kann doch nur begrenzt über den Schatten ihrer Herkunft und Erziehung springen. Tabledance, Sexmesse, Tantramassage, einschlägige Pornoseiten im Internet - die Filme in ihrem eigenen Kopf sehen anders aus! Bis in Sexkinos und Swingerclubs, Laufhäuser, Saunaclubs und Wohnungsbordelle in verschiedenen Städten dringt die deutsche Autorin vor, interviewt Frauen über ihre Erfahrungen und über die Männer, die ihnen Geld und Würde nehmen; befragt Pornoproduzenten, Besucher der Etablissements und andere beruflich mit dem Thema Befasste. Einfache Wahrheiten sind auch angesichts der gegenteiligen Positionen von Feministinnenverbänden und des umstrittenen neuen Prostitutionsgesetzes nicht zu erwarten.

Viel von dem, was die Autorin erlebt, scheint ihr als überphantasierte und dramatisierte Projektion. Die pornographische Überdosis enthemmt Männer - und gibt ihr das Gefühl, entmündigt zu werden. Ihr Gegenbild: Die Unverstelltheit, das Begehren des anderen und das eigene, in dem wir uns lösen "von unserer instrumentellen Vernunft, von der Strenge und ihren Zwängen" - aber gerade das ist nicht gefragt!

Geprägt und gefangen von der uns umgebenden Pornographie, versinkt jenseits unserer geordneten Identität alles in Belanglosigkeit. "Hier kreist alles nur noch um das eine Undenkbare, und das ist in dieser Männerwelt als letztes Ziel ein Abspritzen in der Dunkelheit."

Nein, das ist nicht der letzte Satz der Autorin, auch wenn er an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Nora Bossong träumt gegen das gewonnene Bild und den Pessimismus an: ". . . eine Geschichte in einem anderen erkennen, sich auf jemanden einlassen, jemanden individuell begehren: Das sind Aspekte einer Sexualmoral, die mir durchaus einen wahren Kern zu haben scheint, wahrer womöglich, als wir häufig unter ihrem Deckmäntelchen tatsächlich empfinden und praktizieren, doch ist ihr Imperativ äußerst ungleich auf die Geschlechter verteilt."