Anhand dieser Beispiele entsteht eine biografische Klammer für die Hauptperson und eine Verortung des Gedächtnisses, die auf etwas Kollektives verweist.

Ein einziges Mal gelingt dieser Hauptperson ein Furor, ein Ausbruch. In jenem Moment wird aus dem (Michael) Braun geradezu ein Rot, so entschlossen, so beharrlich agiert er da. Es ist eine spezifische Eigenart, dass sogar das Kind nicht bei seinem Vornamen genannt wird, sondern zumeist als Braun durch diese seine Geschichte geht. So, als wäre er nicht einmal bei sich selbst heimisch. So, als wäre sein Nachname programmatisch, ja austauschbar, weil unscheinbar.

Das klingt nach einem mühsamen Stoff. Allein, dass Buch weiß von Anfang bis zum Ende auf wunderbar bittere Weise zu unterhalten. Die Ironie bezieht der Text durch den Kontrast zwischen dramatischem Ereignis und lakonischer Schilderung oder durch das gekonnte Inszenieren von Missverständnissen. Eine zweite qualitative Raffinesse ist die nicht-lineare Erzählweise. Sie ist nicht nur achronologisch, weil sie retrospektiv ist, sondern weil sich die Zeitebenen immer wieder mischen. Das irritiert zunächst etwas, weil dem Leser nicht ganz klar wird, ob Michael nun mit Silvia oder Gudrun zusammen ist - bis man dieses einander Durchdringen der Zeitebenen diagnostiziert, sich daran erfreut und auch das biografische Knäuel zu entwirren vermag. Man erfreut sich auch deshalb an dieser Technik des Verwebens, weil sie einprägsam anschaulich macht, wie sich Gedächtnisleistungen konstituieren, wie kollektives und subjektives Erinnern ineinandergreifen.

Erinnern & Vergessen

Eine solche Erzählweise stört auch das Bedürfnis nach Interpretation empfindlich. Ganz zum Schluss wird diese Absicht noch betont, wenn die Assistentin von Michael Braun darauf verweist: "George Orwell dachte 1948, dass 1984 in einer fernen Zukunft liegt. Im Moment archivieren wir die Akten des Jahres 1984. Und wenn wir fertig sind, wird 1984 schon vergessen sein."

So einfach kann das Verschwinden beschrieben werden, "Sein und Zeit" en miniature. Dabei gibt es einige ausgesprochen klare und empathische Momente, etwa wenn der 13-Jährige eine Initiation mit seiner Latein-Nachhilfelehrerin erlebt, die eine Leere hinterlässt, die Braun bis in seine Gegenwart als Mitvierziger nicht zu füllen weiß. In solchen Passagen wird schmerzlich bewusst: ein Braun haust in jedem von uns.