Daniel Wissers minimale, semantisch-phonetischen Variationen und Interventionen können all jene lesen, die auf seinen social-media-accounts mit ihm verbunden sind. Manchmal leisten diese Sprachexperimente eine erhellende Erkenntnis, manchmal erzielen sie den ersehnten anarchischen Überschuss. Die kleine Form, die Großes ausdrückt, ist oft auch ein Kern der komplexeren Prosaarbeiten dieses 1971 in Klagenfurt geborenen Schriftstellers.

In seinem jüngst erschienen Roman, "Löwen in der Einöde", verdichtet Wisser das Porträt seiner Protagonisten in knappen Be- und Zuschreibungen. Wenige Zeilen genügen, um etwa die Beziehung von Michael und Gudrun zu vermessen und gleichsam deren Ende zu skizzieren. "Sie hasst die meisten Geschichten, die er erzählt, weil er sie so oft erzählt. Von diesem Astronauten hat er noch nie gesprochen. Plötzlich, an diesem ersten Januar, kommt Michael Gudrun wie ein Fremder vor."

Dieser Astronaut ist, genau genommen, ein Kosmonaut und heißt Wladimir Wassiljewitsch Kowaljonok. Das Buchcover zeigt den Anzug eines Astronauten etwas verloren in einem nicht nur leeren, sondern geradezu verlassenen Zimmer. Wisser arrangiert mit sparsamen und klug gesetzten Verweisen eine exemplarische Biografie eines Österreichers, der die 1970er als Kind, die 80er Jahre als Jugendlicher und die gegenwärtige Zeit als Beziehungsenttäuschter und beruflich in einer sehr soliden Stagnation Verharrender zu bewältigen sucht.

Zurück zu den "Löwen in der Einöde", die im Übrigen gar nicht metaphorisch sind, weder die Löwen noch der Ortsteil "Einöde". Um den zentralen Charakter Michael Braun (einen Beamten des Meldeamts) gruppiert sich ein schmales, gut akzentuiertes Ensemble - und ein Kranz an chronikalen Bezügen: Die für das österreichische Fußballnationalteam geradezu traumatisierend erfolgreiche WM 1978 findet hier ebenso Platz wie markante Medienereignisse und politische

Meilensteine: etwa die Abstimmung über die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf, die Entführung des Biermoguls Alfred Heineken, der Einsturz der Reichsbrücke, der tödliche Brunnensturz des italienischen Buben Alfredo Rampi oder der in einer Gefängniszelle 18 Tage lang vergessene Andreas Mihavecz, der nur dank der Kondensflüssigkeit an den Wänden überlebte.