Lafcadio Hearn (1850-1904) lässt die Klänge der Dampfpfeifen wieder lebendig werden. - © Ullsteinbild/Claude Jacobvy
Lafcadio Hearn (1850-1904) lässt die Klänge der Dampfpfeifen wieder lebendig werden. - © Ullsteinbild/Claude Jacobvy

Ein Leben wie ein Roman. 1850 als Patricio Hearn auf der westgriechischen Insel Lefkada geboren, die damals als Protektorat zum britischen Empire gehörte. Die Mutter Griechin. Der Vater ein irischer Militärarzt. Zwei Jahre nach der Geburt nahm die Mutter ihn mit nach Dublin, wo er bald von den Eltern verlassen wurde. Aufgezogen in Internaten, verweigerte ihm, als er 18 war, der Vormund sein Vermögen und schickte ihn mittellos nach Nordamerika. In Cleveland wurde er Jung-Journalist, änderte seinen Vornamen in "Lafcadio", heiratete eine Afroamerikanerin, die ihn sitzen ließ.

Hierauf zog er nach New Orleans und schrieb weiter für Zeitungen. Alsdann übersiedelte er für zwei Jahre nach Martinique. Und von dort nach Japan. Wo sich der 1,60 Meter kleine, infolge eines Unfalls auf einem Auge blinde Lafcadio Hearn in einen Japaner verwandelte, sich Koizumi Yakumo nannte, die Tochter eines verarmten japanischen Samurais heiratete, mit ihr vier Kinder bekam und mit seiner Familie, weil er nie richtig Japanisch lernte, in einer eigenwilligen Pidgin-Sprache kommunizierte.

1904 starb der Liebhaber des im Untergang befindlichen alten Japan als Professor für Englische Literatur in Tokio. Die 1853 erzwungene Öffnung des bis dahin perfekt isolierten Landes durch amerikanische Kanonenboote - sie währte bis zur Machtübergabe an den Tenno 1867 - hatte eine rasende, nicht selten gedankenlose Modernisierung nach sich gezogen. Hearn schätzte vor allem das abgelegene, vormoderne Japan als einen Kosmos fern jeglichen Hochdrucks und "außerhalb der Einflusssphäre alles Widernatürlichen der menschlichen Zivilisation".



Er war ein endlos neugieriger, wissbegieriger Beobachter, ein interkultureller Vermittler avant la lettre. Von einer Hearn-Renaissance hierzulande zu reden, wäre sacht übertrieben. Auch wenn in den letzten anderthalb Jahren im Salzburger Jung und Jung Verlag die Kurzromane "Chita" und "Youma" in neuer Übersetzung erschienen sind, bzw. seine Aufsätze über Japan (in einer fast hundert Jahre alten Eindeutschung) in der Anderen Bibliothek: Hearn ist noch immer zu entdecken.

Nun hat die vietnamesisch-amerikanische Autorin Monique Truong, seit Längerem mit einer Romanbiografie Hearns beschäftigt, eine Auswahl seiner Reportagen getroffen. Diese hat Johann Christoph Maas überaus gut teils neu, teils erstmals ins Deutsche übertragen. Wobei im Grunde der Untertitel nicht korrekt ist. Um "Reportagen" in einem modernen Sinn handelt es sich hier nicht. Weder bei den Zeitungsartikeln, und erst recht nicht beim sprachverliebten Rezept für Sauce Tartare. Truong griff in ihrer Zusammenstellung auf Texte aus der Library of America-Edition, "American Writings", sowie auf die Tuttle-Classics-Ausgabe der Hearnschen Japan-Essays zurück.

Der Bogen ist weit gespannt: von Cleveland, dem Leben am und mit dem Ohio River oder dem Flair von New Orleans über die Karibik bis hin zu zwei beeindruckenden Texten über Japan. Allerdings: statt des uninteressanten Textes "Aufgeknüpft" über eine fehlgehende Exekution wäre die Aufnahme von "Stimmen vor Tau und Tag" (akustisch aufregend) sowie "The Glamour of New Orleans" oder auch "The City of
Dreams" lohnender gewesen.

Prosagedicht

Wieso aber diese Prosa lesen, die hundertzwanzig bis hundertvierzig Jahre alt ist? Weil sie stilistisch aufregend, ja geradezu erregend ist.

So zum Beispiel die Schlusspassage des Titel-Textes über ein Matrosen- und Vergnügungsviertel in Cleveland, bei der sich der Leser über Seiten hinweg fragt, welches Vergnügen überwiegt: das historische, das an bunten Menschenschicksalen oder doch jenes an einer markant rhythmisierten Prosa, die sich in ein melodisches Prosagedicht verwandelt? Einer Prosa, die die tiefen Klänge der Dampfpfeifen lebendig werden lässt und das Feuer der Fackelkörbe, deren Schatten rötlich auf den Wellen tanzen, die weißen Sterne und das gewaltige Pochen "der eisernen Herzen der großen Schiffe, die sie Tag für Tag und Nacht für Nacht zu neuen Szenerien menschlicher Schwachheit tragen und näher zu jener düsteren Uferböschung hin, wo seltsame Boote ohn’ Unterlass ihre Geisterfracht löschen und leer wieder ablegen".