Lässt mitunter das Lachen des Schalks hören: Michael Stavaričs. - © Yves Noir
Lässt mitunter das Lachen des Schalks hören: Michael Stavaričs. - © Yves Noir

Geografisch ist Gotland eine schwedische Insel. In Michael Stavaričs gleichnamigem Roman ist es vor allem ein Schauplatz wahrhaft unheimlicher Begebenheiten. Eingangs verfällt hier ein Autor einer mehr als manischen Schreibsucht: Zigtausende Seiten produziert er und zieht mit dem Monsterwerk seine Lektorin und seine Verlegerin in den Bann - und zugleich auch ins Verderben, denn innerhalb kurzer Zeit segnen beide das Zeitliche. Auch Charles Hansson, der eigentliche Protagonist des Romans, kippt völlig aus dem inneren Gleichgewicht, als er die Insel, auf der er angeblich gezeugt worden ist, besucht.

Der Ort seiner Kindheit und Adoleszenz ist indes Wien, wo Charles, der nie etwas über die Identität seines Vaters erfährt, von seiner Mutter großgezogen wird. Diese, von Beruf Zahnärztin, ist eine attraktive, vielseitig begabte, humorvolle, vor allem aber strenggläubige Frau, die zum Beispiel Kruzifxe auf Flohmärkten aufkauft, weil diese ein zu schäbiges Ambiente für den Heiland seien.

Gedanken über Gott

Als Konsequenz ihres erzieherischen Vorbilds ist alles Tun, Denken und Fühlen des heranwachsenden Charles in irgendeiner Weise mit Gott verbunden: Er macht sich Gedanken über die biblische Mode, deren Luftigkeit er - faktisch durchaus richtig - der Hitze in Palästina zuschreibt. Er grübelt, "ob Gott auch ein Geschlechtsteil zwischen seinen Beinen sitzen hatte" und denkt, wenn er im Turnsaal seiner - natürlich katholischen - Schule an den Seilen zur Decke hochklettert, "daran, dass Gott uns wohl ständig so sah, immer von oben, aus einer ganz seltsamen Perspektive, in der Menschen schlichtweg lächerlich schienen, klein herumwuselnde Punkte im Staub, die sich ab und an den Hals verrenkten, um verkrampft nach oben zu stieren".

Trotz seiner religiösen Kinderstube und obwohl sich in seinem Verhältnis zur Mutter obsessive Züge zeigen - so fischt er zum Beispiel ihre gebrauchten Tampons aus dem Müll und sammelt sie -, wächst Charles scheinbar normal auf, entwickelt ein durchaus reges Liebesleben und folgt seiner Mutter in den zahnärztlichen Beruf. Als er aber nach Gotland kommt, gerät er in den Einfluss einer genialisch-wahnsinnigen Führerpersönlichkeit, die ebenfalls Charles heißt und eine Art Sekte um sich versammelt hat. Dieser Charles hat Gott höchstpersönlich gesehen und leitet daraus den Auftrag ab, die Welt von ihm zu befreien, indem er ihn tötet.

 Während in Gotland Dinge aus dem Ruder laufen, wird offenbar, dass der Protagonist ein entsetzliches Verbrechen begangen hat und in eine Anstalt eingeliefert wurde - übrigens ohne dass zwingend ein kausaler Zusammenhang bestünde: die Einweisung kann schon erfolgt sein, bevor überhaupt das Verbrechen ruchbar wurde. Jedenfalls erzählt Charles von sich aus und ohne dass schwerwiegende Verdachtsmomente gegen ihn vorgelegen wären, von seiner Tat. Ein psychiatrisches Gutachten versucht, diese zu ergründen und die Heilungschancen des Patienten abzuwägen.

Als "Handlung" mag das einerseits dünn und andererseits verwirrend anmuten. Keine Klärung findet die sich aufdrängende Frage, ob die Figur des Sektenführers Charles auf Gotland ein Alter Ego des gleichnamigen, möglicherweise gespaltenen Protagonisten aus Wien ist. Dass am Ende des Romans ohne unmittelbare Handlungs-Relevanz die Geschichte einer Frau steht, die sich in einen Vogel verwandelt, unterstreicht, dass Michael Stavarič deutlich andere Prioritäten verfolgt, als eine schlüssige Fabel zu erzählen.

Verzicht auf Psychologie

Das manifestiert sich auch im Verzicht auf jegliche psychologische Fundierung. Die Psychologie ist vielmehr das Opfer der Spottlust des Autors, indem er ihr Regelwerk und ihre formalen Signifikanten überdeutlich ausstellt: die gestelzt-beamtete Sprache von Gutachten, die pseudowissenschaftlichen Querverweise auf Fachliteratur, ihre vermeintlich gewichtigen, stereotypen Deutungsmuster.

Was das Buch dagegen zele-briert, ist die Faszination an archaischen und phantastischen Kräften: einem Wüten der Natur, das sich keineswegs von physikalischen Gesetzen einbremsen lässt. Hier tanzen Wälder, regnet es vom Himmel Fischschuppen herab, erwachen Maschinen zu Eigenleben, zerfallen lebende Engel zu Staub. Ein üppiges Stück Literatur, das öfter einmal das Lachen des Schalks hören lässt.