Julia Wolf gewann 2016 den 3sat-Preis. - © Ullstein Bild/Schleyer
Julia Wolf gewann 2016 den 3sat-Preis. - © Ullstein Bild/Schleyer

Jeden Morgen um acht Uhr schwimmt Walter Nowak einen Kilometer im Freibad. Bei jedem Wetter, Ausreden lässt er nicht gelten: "Zehnmal hin und zurück, wenn man anfängt, erscheint einem das immer viel. Aber eigentlich geht es ganz schnell, man muss nur dabei an etwas anderes denken. Man muss es bloß tun. Eine heiße Dusche, eine Tasse heißer Kaffee. Also abstoßen, also los jetzt, keine Müdigkeit, schon gleite ich durchs Wasser, vorschützen. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie ich durchs Wasser gleite, und alles ist blau und kühl, das Sonnenlicht glitzert nur so, herrlich."

Die deutsche Schriftstellerin Julia Wolf lässt die Leser ihres zweiten Romans, "Walter Nowak bleibt liegen", auf dem Bewusstseinsstrom ihres Erzählers gleiten. Obwohl das Denken des nervösen, leicht neurotischen Walter von kurzen, stakkatoartigen und häufig unvollendeten Sätzen geprägt ist, fließt die Sprache. Ihr experimenteller Charakter bildet einen reizvollen Kontrast zur spießbürgerlichen Biografie des Protagonisten.

Als pflichtbewusster, erfolgsorientierter Bürger der BRD hat er eigentlich alles richtig gemacht, privat steht der Endsechziger dennoch vor einem Trümmerfeld. Zu seinem erwachsenen Sohn Felix, der sich für nichts begeistert außer für Tiere, die Walter ekeln, hatte er jahrelang keinen Kontakt. Seine erste Frau Gisela scheint Walter plötzlich wieder begehrenswert, vielleicht weil seine zweite, zwanzig Jahre jüngere Frau Yvonne neuerdings verdächtig viel Zeit mit einem Typen aus ihrem Menschenrechtsverein verbringt. Das Verhalten ihres Mannes kommentiert Yvonne hingegen häufig mit "Ach Walter". Gerade ist sie für vier Tage auf einem Menschenrechts-Kongress. Während Walter zu Hause auf "Yvonnenschein" wartet, kämpft er mit Gleichgewichtsstörungen, einer kürzlich erhaltenen Diagnose und Bruchstücken seines Lebens, die an seinem inneren Auge vorbeiziehen.

Auf nur 150 Seiten gelingt der 1980 geborenen Julia Wolf ein fein gesponnenes, tragikomisches Porträt eines typischen Deutschen der Nachkriegsgeneration. Unter dem Deckmantel der Angepasstheit an eine Gesellschaft, in der Kriegstraumata totgeschwiegen wurden, der Mann

als Ernährer zu funktionieren und keine Schwäche zu zeigen hatte, die Frau oft Hausfrau und emotional vernachlässigt war, gären unterdrückte Gefühle.

Der Druck, der dadurch entsteht, ist bei der Lektüre fast körperlich spürbar. Bisher hielt Walter sich an seinem beruflichen Erfolg und Ritualen wie dem Schwimmen fest, um nicht aus der Bahn zu kippen. Plötzlich funktioniert das nicht mehr. In letzter Zeit wird ihm dauernd schwindlig. Einmal findet er sich auf dem Badezimmerboden wieder und hat keine Ahnung, wie er dorthin gekommen ist. Und das ihm, der immer so stolz auf seine eiserne Disziplin war. Ohne die, davon ist er überzeugt, hätte er es nie vom unehelichen Sohn zum Chef einer Maschinenbaufirma und Vorsitzenden des örtlichen Elvis-Fanclubs gebracht. Seine Firma hat er kürzlich verkauft, ab und zu treibt es ihn dennoch aufs Firmengelände.

Früher hat er keinen Gedanken an seine Sekretärin verschwendet - warum freut er sich jetzt so, sie zu sehen? Und was wäre gewesen, wenn sein Jugendfreund Benno nicht so früh gestorben wäre? Auch seine Mutter sucht ihn jetzt öfter heim, das Gedankenkarussell dreht sich immer schneller. Fragen nach seinem Vater, einem US-amerikanischen Soldaten, dessen Namen er nicht einmal kennt, hat er sich stets verboten. Großartig, wie die Autorin mit wenigen Sätzen unterdrückten Schmerz und verpasste Chancen skizziert.

Julia Wolf versteht es, unsentimental und formal spannend auf der ganzen Klaviatur der Gefühle zu spielen. Chapeau!