Manchmal sagt das Motto, das ein Buchautor seinem Text voranstellt, bereits alles aus über das, was folgt. So auch im Fall des Satzes, den der US-Amerikaner Ted Gioia für sein jüngstes Buch, "Jazz hören - Jazz verstehen", ausgewählt hat - und dieser Satz steht sogar noch vor der eigentlichen Titelseite. Er stammt von Duke Ellington und lautet: "Listening is the most important thing in music", Gioias gesamtes Buch ist ein Plädoyer fürs Hören und Zuhören. Und zwar nicht in einem orthodox akademischen, musikwissenschaftlichen Sinne, sondern für ein Zuhören mit Leidenschaft - und aus Leidenschaft: Hingerissen und sich hinreißen lassen.

Dabei stellt Gioia gleich zu Beginn die Fragen, die viele, die mit der in sich so vielfältigen wie mittlerweile nahezu unüberschaubar auf- und unterteilten Jazzmusik konfrontiert werden, sich unablässig stellen: Wie kann eine Band Abend für Abend bei jedem Auftritt denselben Song ganz anders spielen? Wo ist das Epizentrum des Phänomens namens "Swing", ohne den Jazz schlechterdings nicht funktioniert? Wie lässt sich spontane Musik strukturiert in Sprache ausdrücken, diese Improvisationen, die scheinbar ohne Regeln und Strukturen im einen Augenblick entstehen und im nächsten verweht sind? Ja, was ist das eigentlich, "Jazz"? Darauf gab der Pianist Fats Waller einst die lakonische Antwort: "Wenn Sie diese Frage stellen müssen, lassen Sie lieber die Finger davon."

Oder: Man sucht, um Jazz zu hören und ihn zu verstehen, Rat bei Ted Gioia. Der 59-jährige Journalist, Kritiker, ausgebildete Jazzpianist und Komponist, studierter Musikwissenschafter, Handbuch-Herausgeber und Hochschuldozent, der vor einigen Jahren mit www.jazz.com eine informative Website mit ins Leben rief und dort fast vier Jahre lang als Kolumnist und Blogger tätig war, ist ein fleißiger Publizist. Zehn Bücher hat er inzwischen über Jazz geschrieben, darunter "The History Of Jazz", "West Coast Jazz" und "The Jazz Standards". Jedes davon dürfte in gut sortierten Handbi-bliotheken von Jazz-Aficionados zu finden sein, in gelesenem Zustand, mit Eselsohren, Anmerkungen und Unterstreichungen.

Entspannter Ton

Dem Charakter der Reihe geschuldet, in der 2016 die amerikanische Originalausgabe erschien, kommt sein neuer Band auf gerade einmal 200 Seiten. Der Fließtext endet schon zehn Seiten früher. Er ist also gedrängt. Doch trotz dieser Umfangsbeschränkung gelingt es Gioia, einen erzählenden, gelegentlich sogar einen plaudernden, entspannten Ton anzuschlagen. In sieben informative Kapitel, jeweils gespickt mit schönen Hörempfehlungen, hat der Autor seine Darstellung aufgeteilt. Er setzt ein mit dem Geheimnis des Rhythmus und untersucht den Puls, den "Swing" also, Tempo und Temporeduktion.