"Sie wackelte nicht mit dem Hinterteil, ihre Teetasse hielt sie zierlich - vielleicht ein wenig gar zu zierlich -, und niemand hörte sie schlürfen. Sie nahm nur zwei Lachsbrötchen auf ihren Teller und nur zwei winzige Törtchen, trotz aller reichlich angebotenen Verlockungen." Geschichten dieser Art sind allerdings nur Beiwerk zur eigentlichen Haupthandlung, die sich um den Schiffsarzt Thomas Wohlmut, dessen Frau Sybil und deren amerikanischen Liebhaber Shortwell dreht. Wie sich deren Dreiecksverhältnis bildet und dann wieder löst - das sollten neugierig gewordene Leserinnen und Leser selbst nachlesen.

"Jonas" heißt das erste Kapitel von Paolo Rumiz’ Erzählung "Der Leuchtturm", und es beginnt mit einem Alptraum: In stockdunkler, stürmischer Nacht müht sich jemand den über steile Klippen führenden Weg zum Leuchtturm vo-ran. Niemand kommt ihm zur Hilfe, sein Rufen verhallt im Tosen der Brecher. Und dann plötzlich: "Vom Rand der Böschung aus beugte sich der Turm über mich, das mächtige steinerne Bauwerk krümmte sich. Mit seinem Zyklopenauge suchte es den Eindringling. (. . .) Das Licht streifte mich wie mit Säbelhieben, sie kamen immer näher. (. . .) Ich stürzte. Vielleicht schrie ich etwas, aber meine Stimme war tonlos." Ein Windstoß lässt den Träumenden in einem kahlen, weißgetünchten Zimmer hochfahren. Es ist seine erste Nacht im Leuchtturm. Er befindet sich "im Inneren der Lichtmaschine, in ihrem Bauch, wie Jonas im Bauch des Wales".

Paolo Rumiz, geboren 1947 in Triest, ist ein Weltreisender, ein preisgekrönter Journalist - und mittlerweile der erfolgreichste Reiseschriftsteller Italiens. Drei Wochen hat er 2015 auf dem (noch nicht automatisierten) Leuchtturm einer einsamen, kleinen Mittelmeerinsel zugebracht, um eine Reise anzutreten, bei der man sich nicht vom Fleck rührt.

Um die Macht der Elemente zu erfahren, den Stimmen der See zu lauschen und dabei zu erkennen: "Die Archipele der Seele sind unendlich geheimnisvoller und komplizierter als die realen." Der Autor wählte diesen Ort aber auch, um über den gigantischen Kulturraum von Triest bis in den Libanon zu sinnieren, via Kurzwellenradio in das Sprachengewirr dieser Mittelmeerzone einzutauchen und die Beben der Welt zu regis-trieren. Den Namen der Insel nennt er nicht, die Fährte zu ihr legt er doch.

Rumiz ist nur Gast auf dem Turm, für dessen Betrieb gibt es den Kapitän und einen Adjudanten. Mehr Menschen hat das felsige Eiland nicht aufzubieten. Den Anstoß für das freiwillige Exil bekam der Autor von einem befreundeten Segler - und vielleicht "auch von einem großartigen Schriftsteller des Meeres, von Antonio Mallardie aus Bari".

Diesem eigenwilligen Mix aus gelehrter Prosa, lyrischen und schwarzromantischen Passagen zu folgen, bereitet nicht nur großes Lesevergnügen: Rumiz’ Leuchtturm-Buch entfaltet auch eine Sogwirkung, Fauna und Faune, Wind und Wein, Götter, Gottesanbeterin und all die anderen Mächte und Reize des Mikrokosmos selbst zu erkunden, das existenzielle Abenteuer selbst zu suchen.