Ein Fischer spannte Netze aus. Erfolglos. Schließlich schlug er aufs Wasser, bis die erschrockenen Tiere in die Maschen gerieten. Noch heute schüren manche Zeitgenossen Angst, um diese dann für eigene Machtzwecke zu missbrauchen. Demagogen ("demos" heißt Staatsvolk, "ágein" führen) gab es schon in der Antike. Auch damals appellierten sie an Gefühle und Vorurteile, um ihr Publikum zu lenken.

Esel und Fuchs begegneten einem Löwen. Der Fuchs lieferte den Esel aus und forderte dafür freies Geleit. Doch kaum saß der Esel in der Falle, fraß der Löwe auch den Fuchs. Die Geschichte erinnert an einen Rat des Florentiners Niccolò Machiavelli, festgehalten im 16. Jahrhundert: Verbünde dich nicht mit einem Mächtigeren gegen einen Dritten; denn nach dem gemeinsam errungenen Sieg bist du das nächste Opfer!

Der Löwe verliebte sich in eine Bauerntochter. Der Vater gab vor, das Mädchen würde sich vor dem Tier fürchten. Also ließ sich der Löwe brav die Zähne ziehen sowie die Krallen abschneiden. Er brachte sich selbst um seine Macht und wurde vertrieben. Hier schützt der Bauer seine Tochter übrigens vor, um seine eigenen Wünsche zu verbergen.

Einige unserer geflügelten Worte gehen letztlich auf äsopische Fabeln zurück. So schenkte der Gott Hermes einem Mann eine Gans, die goldene Eier legt. Von Ungeduld getrieben, wollte der Beschenkte auch deren vermeintlich güldene Innereien zu Geld machen. Er schlachtete das Tier - und wurde enttäuscht. Aus Gier nach schnellem Gewinn verlor er jenen Schatz, den er schon besessen hatte.

Altersschwach sowie des Jagens müde, ließ sich der Löwe von anderen Tieren besuchen. Der Fuchs erkannte: In die Höhle des Löwen führten viele Spuren - doch keine einzige wieder zurück! Daraufhin verzichtete der Fuchs auf eine Visite.

Dass Undank oft der Welt Lohn ist, belegt die Geschichte vom Wanderer: Er fand eine starrgefrorene Schlange und wärmte sie unter seinem Gewand. Zu neuen Kräften gelangt, biss sie ihn. Der Sterbende bereute, eine Schlange an seinem Busen genährt zu haben.

Als die Vögel einen König erhalten sollten, sah sich die schwarzgraue Dohle im Nachteil. Um ihre Chancen zu verbessern, steckte sie sich die Federn prachtvollerer Vögel ins Gefieder. Ihr Versuch, sich mit fremden Federn zu schmücken, schlug fehl. Die Konkurrenten zupften ihr alle wieder aus.

Ein wenig Psychologie

An einem Fluss erblickte der Wolf ein trinkendes Lamm. Er suchte einen Grund, um es zu töten und warf ihm daher allerhand Untaten vor - etwa die Verschmutzung seines Trinkwassers. Obwohl das Lamm kein Wässerchen trüben konnte, wurde es schließlich gefressen. Schon im Vorfeld war der Wolf hier bemüht, sein Gewissen zu beruhigen. Aus diesem Grund erklärte er das Opfer zum Täter.

Besonders bekannt ist die Fabel vom Fuchs, dem die Trauben zu hoch hängen. Darin wertet der Fuchs die ersehnten, letztlich aber unerreichbaren Früchte als "unreif" oder "sauer" ab. So bekämpft er seine Frustration. Auch so mancher heiß begehrte Mensch ist schon abgewertet worden, nachdem er die Gefühle des "Möchtegern-Liebhabers" nicht erwidert hat.

Als Menschen erstmals Kamele erblickten, erschraken sie. Doch mit der Zeit bemerkten sie deren gutmütigen Charakter. Nicht alles, was gefährlich anmutet, ist es auch. Außerdem kann Gewohnheit die Furcht mildern. In der modernen Konfrontationstherapie werden Patienten mit Phobien den angstauslösenden Reizen ausgesetzt - freilich unter fachkundiger Anleitung.

Ein Schiffbrüchiger beschuldigte das Meer: Es wolle die Menschen mit Liebreiz anlocken, diese aber später ins Verderben stürzen. Das Meer erwiderte: Es sei von Natur aus sanft. Erst die Winde versetzten es in Raserei! Sind Menschen verärgert, schnauzen sie oft den Erstbesten an, dem sie habhaft werden - und nicht die tatsächlich Verantwortlichen: Der Zugbegleiter wird z.B. ob der Verspätungen, die Kassierin der Preise wegen gerügt. Das ist einfacher, als sich an die Entscheidungsträger zu wenden.

Einem Esel behagte die Arbeit beim Gärtner nicht. Zeus ließ ihn zu einem Töpfer wechseln, dann zu einem Gerber. Doch der Esel ward immer unzufriedener und sehnte sich schließlich nach dem Gärtner zurück. Selbst wir wissen das Gewohnte und Vertraute oft erst dann zu schätzen, wenn wir es verloren haben.