Der Tenor Rolando Villazón ist auch als Erzähler von überbordendem Temperament. - © Ullstein Bild/ CTK
Der Tenor Rolando Villazón ist auch als Erzähler von überbordendem Temperament. - © Ullstein Bild/ CTK

Dass Rolando Villazón sich schon seit längerem nicht nur dem Gesang widmet, hat er bereits mit seiner Arbeit als Opernregisseur und, abseits der Musikwelt, mit seinem ersten Roman gezeigt. Nun folgt der zweite, der, wie man im ersten Drittel lesen kann, "ein Spiel mit sich selbst" darstellt. Genauso verspielt und märchenhaft, wie sich die Handlung ankündigt, sind auch die Namen der Hauptfiguren: Palindromus, Golondrina und Mopsos, der Zwerg. Erzählt wird die Geschichte teilweise von zwei Freunden, die sich immer wieder ins Wort fallen und die Ausführungen ihres Gegenübers ergänzen.

Es entsteht eine bunte Welt, in der sich ein Kichern in den Locken der Haare verfangen kann und zwei Fliegen ebenso aufmerksam beobachtet werden, wie der, auf dessen Rücken sie sitzen. All das in einer äußerst schnörkelreichen, wild wuchernden Sprache - "Ein Kübel Sonne ergoss sich über die Straßen und eine Handvoll Feuchtigkeit" - und mit einer Portion Schalk, wenn etwa , der Zwerg, sich Respekt verschafft, indem er Spötter mit "Omeletts zwischen den Beinen zurücklässt".

Palindromus, dessen Leben aus unerklärlichen Gründen stets 16 Minuten vor geht, verliebt sich in die nicht weniger mysteriöse stumme Golondrina, die ihn mit ihren Blicken in den Bann zieht, mit lautlosem Schrei Gläser zum Zerbersten bringt und deren "Schweigen saftigen Melonenscheiben glich und deren Augen zwei Eispisten waren, auf denen die Wirklichkeit Schlittschuh lief".



Auf den Spuren der fünf Wörter, die ihn seit dem Morgen verfolgen ("Schaufelweise Schatten gegen die Dunkelheit") wandert Palindromus tagaus, tagein die Straßen auf und ab, dabei stets verfolgt von einem Mann in Grau, kehrt immer wieder in das Lokal Cava de los Espejos ein, um mit seinen Freunden Zwiesprache zu halten und den großen Träumen der Menschheit nachzuspüren.

Der größte aber heißt: Golondrina für sich zu gewinnen. Dass er dabei Sätzen nachjagt, die von vorne wie von hinten gleichermaßen lesbar sind, liegt in der Natur der Sache. Respekt gebührt hier dem Übersetzer. Während man dem Gespräch der Freundesrunde lauscht, wendet der Erzähler seinen Blick gleichsam in alle Richtungen des Raumes, um die Umgebung auszuleuchten und nebenbei drei Schichten philosophisches Geplänkel drauf zu legen.

"‚Und was’, begann Mopsos wie erleuchtet, ‚wenn die Welt nichts wäre als die allmähliche Rekons-truktion eines vollkommenen Traums, den Gott gehabt, beim Aufwachen aber nicht mehr ganz zusammen bekommen hat?’" Die Unvollkommenheit des irdischen Daseins wird da angeschnitten, allerdings mit spürbarer Zuneigung: "‚Das erinnert mich an ein Gedicht’, sagte Mopsos. - ‚Lassen Sie hören Kollege.’ - ‚Tja, es fällt mir leider nicht ein.’ ‚Nun, dann stoßen wir an!’"

Ein fantasievoller Roman mit unbändigem sprachlichen Wildwuchs, dem man sich ohne Bedenken zuwenden kann, wenn man auf den spitzbübischen Rolando Villazón in der Sommerpause nicht verzichten möchte.