Fjodor Michailowitsch Dostojewski befand sich um 1866 am Höhepunkt seines Schaffens. In mehreren Lieferungen veröffentlichte er "Rodion Raskolnikow. Prestuplenie i nakazanie" in der Zeitschrift "Russki Westnik", ehe das spannende Werk 1867 als Buch herauskaum und bald auch auf Deutsch unter dem Titel "Schuld und Sühne" populär wurde.

Mit expliziten Worten schildert Dostojewsi den brutalen Mord an einer wucherischen Pfandleiherin, deren harmlose Stiefschwester zur Unzeit am Tatort erscheint und ebenfalls mit einem Beil erschlagen wird. Lange scheint es, als ob der Raubdoppelmord ungesühnt bliebe. Doch dann stellt sich der Verbrecher, der abgehalfterte und arbeitslose Jus-Student Rodion Raskolnikow, von wahnhaften Schuldgefühlen geplagt der Polizei. Gemeinsam mit einer ehemaligen Prostituierten büßt er seine Strafe im Lager ab.

Der Leser als Zeuge

Die Besonderheit dieses Werks liegt darin, dass der Leser in alle Abläufe des Verbrechens eingeweiht wird und den Täter sowie dessen Emotionswelt kennen lernt. Er könnte nach der Lektüre als Zeuge aussagen, die Verharmlosung der Tat demaskieren, womöglich sogar ein Gutachten erstellen. Die ethische und die strafrechtliche Beurteilung des Verbrechens geraten allerdings in eine Schere, denn die Reue des Täters setzt spät ein, die Milderungsgründe sind rar. Zweifellos liegt hier kein "Hintertreppenroman" vor, wie manche Kritiker böswillig schrieben, sondern ein früher Psychokrimi, den nur ein Autor schreiben konnte, der mit den Abgründen der menschlichen Seele vertraut war - und der das zaristische Rechtssystem kannte.

Intelligenz in psychopathologischer Ausrichtung kennzeichnet die Romanfigur Raskolnikow. Der Täter verhält sich irrational, lässt sich von Zufällen als "Zeichen" leiten und verfällt mehrfach in Zustände der Bewusstseinstrübung. Dostojewski selbst litt nicht nur an Epilepsie und an einer ausgeprägten Spielsucht, er war auch als junger Mann zu einer drakonischen Lagerhaft verurteilt worden, weil er um 1848 Kontakte zum sozialistischen Petraschewski-Kreis geknüpft hatte.

Anders als sein zweifelhafter "Held" Rodion hat der Autor kein Verbrechen begangen, wurde aber zu vier Jahren Lagerhaft in Ketten und anschließendem Militärdienst verurteilt. Während das Verbrechen im Roman mit milden acht Jahren Lagerhaft gesühnt wird - auf Mord stand die Todesstrafe -, musste Dostojewski fast zehn Jahre in Sibirien ausharren, zunächst als politischer Gefangener, dann als Soldat. Als er den "Rodion Raskolnikow" schrieb, hatte er noch eine lebhafte Erinnerung an die beklemmende Lagerzeit.

Die räumlichen Vorbilder wie das ärmliche Zimmer Raskolnikows fand der Autor in unmittelbarer Umgebung seines eigenen Wohnsitzes in Sankt Petersburg, wo sich riesige Zinskasernen ausdehnten. Oft waren die Vermieter Deutsche, auch unter den Mietern fanden sich deutsche Beamte, die in der russischen Metropole ein- und ausgingen. Die ortskundige Schilderung wurde Vorbild für Doderers Wien-Romane, deren zweiter bekanntlich einen Dostojewski-Titel ("Die Dämonen") trägt. Der Autor bemaß sogar die Schritte zwischen der Wohnung des Täters und jener der Opfer, und er beschrieb die Wohnsitua-tion in der Residenzstadt lebhaft und detailreich.

Die literarischen Einblicke in die Täter-Psyche bei Planung des Mordes und die Verdrängungsstrategie Raskolnikows samt seinen hypochondrischen Anfällen haben Sigmund Freud fasziniert. Thomas Mann spendete dem ironisch-virtuosen Stil Dostojewskis höchstes Lob, auch wenn dieser die Deutschen gerne karikierte.

Man kann die Schilderung der Bluttat des Raskolnikow aber auch als prägend für das Genre eines psychologisch-analytischen Kriminalromans bezeichnen. Obwohl der Leser den Täter von der ersten Seite weg kennt, bleibt die Spannung aufrecht. Dies setzt eine ausgefeilte Technik voraus, die den Leser in die Rolle des Komplizen drängt, der um die Auf-
deckung der Tat und des Täters bangt, anstatt die gerechte Strafe zu fordern.

Abgründe der Psyche

Teuflischerweise zeichnet der Autor den Täter Raskolnikow als jungen, attraktiven, intelligenten und stellenweise auch sympathischen Menschen, dem man eine Bluttat gar nicht zutrauen würde; und er schildert das Opfer als eine Frau, die ihre eigene Stiefschwester prügelt und in Abhängigkeit wie eine Zwangsarbeiterin hält. Raskolnikow steht mit seiner Meinung, die Auslöschung dieses Lebens sei eine "gute Tat", nicht allein, der Autor lässt diesen ethisch nicht vertretbaren Trugschluss (die Vernichtung des Bösen sei etwas Gutes und gebiete Milde gegenüber dem Täter) auch von anderen Romanfiguren wiederholen.

Nur in der orthodox geprägten "Seele" des Mörders, in seinen Träumen und Wahnvorstellungen nutzt das Schönreden nichts, das Opfer wird zum Wiedergänger, die Tat zum Fanal. Nach außen hin versucht der vom schlechten Gewissen heimgesuchte Raskolnikow durch besondere Mildtätigkeit und Empathie positiv aufzufallen, er kümmert sich um die Kinder und die Witwe eines Säufers und gefallenen Beamten namens Marmeladow (gewiss liegt auch eine nicht zufällige Ironie in der Wahl des Namens).