Lessings bekannteste Theaterfigur: "Nathan der Weise", hier in einer aktuellen Aufführung des Wiener Volkstheaters, mit Günter Franzmeier in der Titelrolle. - © www.lupispuma.com/Volkstheater
Lessings bekannteste Theaterfigur: "Nathan der Weise", hier in einer aktuellen Aufführung des Wiener Volkstheaters, mit Günter Franzmeier in der Titelrolle. - © www.lupispuma.com/Volkstheater

Es ist nicht einfach für einen Dichter, einfach zu schreiben; das Komplizierte macht mehr her. Von einem Dichter, der dunkle Satzgebilde strickt, nimmt man an, dass er schlauer sein könnte als andere, gerade weil man ihn nicht recht versteht. Wer einfach schreibt, muss zudem mutig sein: Er lehnt sich weit aus dem Fenster, alles, was er sagt, kann gegen ihn verwendet werden.

Der Dichter Gotthold Ephraim Lessing war so ein mutiger Mann; er ließ sich nicht verbiegen, glaubte an die Vernunft im Men-schen, an seine Mitleidsfähigkeit, an eine Bildung des Herzens, die mehr wert ist als kalte Gelehrsamkeit. Lessing kommt als Sohn eines Pfarrers zur Welt, der ehrgeizige Pläne hat: der Sohn soll ein bekannter Prediger werden. Dafür unterrichtet er ihn erst einmal selbst ("versichern kann man, dass Lessing, sobald er nur etwas lallen konnte, zum Beten angehalten wurde"), gibt ihn dann auf die örtliche Lateinschule und erreicht, dass er eine Freistelle an der renommierten Fürstenschule St. Afra in Meißen erhält.

Der Sohn macht brav mit, zeigt sich als hervorragender Schüler; in einer Bewertung des Lehrerkollegiums heißt es allerdings, dass er gelegentlich eine "mokante" Art habe. Sein Rektor spart dennoch nicht mit Lob und findet dafür auch einen passenden Vergleich: "Er ist ein Pferd, das doppeltes Futter haben muss: Die Lektiones, die andern zu schwer werden, sind ihm kinderleicht. Wir können ihn fast nicht mehr brauchen."

1746 geht Lessing nach Leipzig; dort studiert er Theologie und Medizin, beide Fächer behagen ihm nicht. Inzwischen hat er nämlich seine Liebe zum Theater entdeckt und ein Stück geschrieben ("Der junge Gelehrte"), das zwei Jahre später mit Erfolg uraufgeführt wird. Vor den Büchern kommt das Leben, erkennt Lessing; Lesen ist Zeitvertreib, macht einen zuweilen klüger, geht aber nur selten zu Herzen und verursacht, wenn die Lektüre gar zu vertrackt anmutet, nur Kopfschmerzen. Nach einem weiteren zähen und somit verschenkten Nachmittag in der Bibliothek wird ihm klar, dass er etwas ändern muss; eine Existenz, wie sie sich der Vater für seinen Sohn vorstellt, kann er nicht führen.

In einem Brief an die Mutter wird er grundsätzlich: "Ich komme jung von Schulen, in der gewissen Überzeugung, daß mein ganzes Glück in den Büchern bestehe. Ich komme nach Leipzig, an einen Ort, wo man die ganze Welt im kleinen sehen kann. Ich lebte die ersten Monate so eingezogen, als ich sie in Meißen nicht gelebt hatte (. . .) Doch es dauerte nicht lange, so gingen mir die Augen auf: Soll ich sagen, zu meinem Glücke, oder zu meinem Unglücke? Die künftige Zeit wird es entscheiden."

In Wahrheit aber hat Lessing die Entscheidung der künftigen Zeit schon vorweg genommen, und er ist selbstbewusst genug, sich davon nichts abhandeln zu lassen: "Ich lernte einsehen, die Bücher würden mich wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen. Ich wagte mich von meiner Stube unter meinesgleichen. Guter Gott! Was für eine Ungleichheit wurde ich zwischen mir und anderen gewahr."

Ganz ohne Bücher geht es aber auch nicht, weiß der junge Lessing, der 23 Jahre später als Bi-bliothekar nach Wolfenbüttel berufen wird; mit den Büchern ist es wie mit den Menschen, man muss etwas genauer hinschauen, um herausfinden zu können, mit wem man gerne Umgang hat - und mit wem nicht. Lessing hat für sich schon die Probe aufs Exempel gemacht; im Zweifelsfall lässt er sich lieber eine Komödie als ein Trauerspiel vorführen, was auch für die Bücher gilt.

Lob des Lebendigen

"Ich legte die ernsthaften Bücher eine zeitlang auf die Seite, um mich in denjenigen umzusehen, die weit angenehmer und vielleicht ebenso nützlich sind. Die Comoedien kamen mir zuerst in die Hand. Es mag unglaublich vorkommen, wem es will, mir haben sie sehr große Dienste getan. Ich lernte daraus eine (. . .) grobe und natürliche Aufführung unterscheiden. Ich lernte wahre und falsche Tugenden daraus kennen, und die Laster ebenso sehr wegen ihres Lächerlichen als wegen ihrer Schändlichkeit fliehen."

Auch in Lessings Theaterstück "Der junge Gelehrte" (1748) wird diese Einsicht ans Publikum weitergegeben, als das junge Dienstmädchen Lisette dem zu Arroganz und Abgehobenheit neigenden Vielleser Damis erklärt: "Über den Büchern können Sie doch unmöglich die ganze Zeit liegen. Die Bücher, die toten Gesellschafter! Nein, ich lobe mir das Lebendige."

Lessing beschließt, ganz Schriftsteller zu sein, ein kühner Entschluss, denn schon in Leipzig lebt er über seine Verhältnisse und muss vor seinen Gläubigern auf der Hut sein. Er flieht nach Berlin, betätigt sich als Journalist für verschiedene Blätter, u. a. für "Das Neueste aus dem Reiche des Witzes", eine Beilage der "Vossischen Zeitung". Witzig ist Lessing selbst, das fällt auf, gefällt aber nicht jedem. Immerhin kann er sich von gröbsten wirtschaftlichen Sorgen frei machen und sogar sein Studium (1752) mit dem Magisterexamen abschließen.