Wechselbad der Gefühle und Bilder: Clemens Mayer. - © Gaby Gerster
Wechselbad der Gefühle und Bilder: Clemens Mayer. - © Gaby Gerster

Clemens Meyers Romane und Erzählungen sind Reisen ans Ende der Nacht, Erkundungen des "Schlachthausbodens" unserer Existenz - ungeschönt, brutal, drastisch, komisch, ironisch, anrührend, pathetisch, melancholisch, unterhaltsam, voller Empathie für die Ge- und Betroffenen.

Der Schweizer Publizist Armin Kesser hat dieses Bild vom Schlachthausboden für den so berühmten wie umstrittenen Roman "Reise ans Ende der Nacht" von Louis-Ferdinand Céline (1932) kreiert. Meyer kennt und zitiert den Autor, er ist einer seiner literarischen Gewährsleute. Andere sind B. Traven, John Dos Passos, auch Uwe Johnson oder Stan Nadoly; die amerikanische Shortstory hat er mit Hemingway für sich erarbeitet. Und sich vor diesem Hintergrund mit Aplomb in die deutsche Literatur eingeschrieben.

Clemens Meyer, 1977 in Halle geboren, in Leipzig aufgewachsen und dort nach wie vor zu Hause, hat am Leipziger Literaturinstitut studiert und seit 2006 zwei große Romane veröffentlicht: "Als wir träumten" und "Im Stein"; ferner drei fulminante Erzählungsbände, ein Handbuch für den

modernen Trinker, einen Gedichtband, ein Buch über Filme, "die man besser liest", und 2016 Frankfurter Poetikvorlesungen mit dem Titel "Der Untergang der Äkschn GmbH". Dazu Drehbücher und journalistische Arbeiten. Andreas Dresen hat den ersten Roman verfilmt, und verfilmt

wurde auch die Kurzgeschichte "Von Hunden und Pferden". 2008 bekam Meyer den Preis der Leipziger Buchmesse für "Die Nacht, die Lichter" (Stories). Neben der Literatur sind Kunst und Film für ihn wichtig; raffinierte Schnitt-Techniken und Überblendungen kennzeichnen seine Bücher.

Heuer erschien "Die stillen Trabanten", zwölf Erzählungen aus dem Leben von Nachtschattengewächsen unseres Alltags, ein leises und deshalb besonders unter die Haut gehendes Buch. Es entfaltet Szenarien der Begegnung von Traum und Wirklichkeit, Gegenwart und Vergangenheit - angesiedelt in den ostdeutschen Plattenbaurändern und anderen überkommenen Örtlichkeiten, in Leipzig, Warnemünde oder dem sächsischen Kohlenrevier. Da ist etwa der Wachdienstmann, in der Trabantenstadt im Schichtdienst zuständig für Objekt 95 und die "Kanacken-Burg", das Ausländerwohnheim. Dort verliebt er sich in eine junge Frau, die ihn an die Bewachung der längst abgerissenen Russenkasernen erinnert.

"Die Russen gingen, die Kanacken kamen". Damals wie heute - auch die Liebe. Oder die Reinigungskraft Christa im Leipziger Bahnhof: Vom Aufsichtspersonal für zwei beim Putzen übersehene Kirschkerne gedemütigt, lernt sie nachts in der Bahnhofskneipe die Friseuse Birgit kennen. Mit jedem Treffen erweitert sich der Dialog über die Mühen des Lebens, die Ängste und die Wünsche - eine Annäherung des gegenseitigen Erkennens und der Zuneigung.

Im nassen September auf der Westmole in Warnemünde trifft ein Ich-Erzähler auf einen alten Mann und dessen Lebenslitanei. Als Siebzehnjähriger hat er 1944/45 die Strandbahn am Meer chauffiert und sein 12-jähriger Cousin, Karli, die Fahrkarten geknipst. In den letzten Kriegsmonaten hielt die Jugend die Stellung. Irma, das faszinierende Mädchen aus dem Osten, begleitet ihn auf den Fahrten des Triebwagens. Ein überraschender Flugzeugangriff bringt den Tod: Das Mädchen rettet er aus dem umgekippten Triebwagen, für den eingeklemmten Karli reichen Kraft und Wille nicht mehr. Von den glücklichsten Monaten seines jungen Lebens bleibt das Trauma, der verzweifelte Blick des Sterbenden. Irma verschwand so spurlos, wie später alles verschwunden ist, was dem kurzen Glück Sinn und Bedeutung gab.

Lakonisch & ambivalent

So lakonisch und knapp sind diese Erzählungen komponiert, zwischen 20 und 30 Seiten lang, dazu drei ganz kurze Erzählungen, die je einen Dreierblock atmosphärisch und inhaltlich einleiten. So werden faszinierende wie schmerzliche Geschichten erzählt von einem Mann, der von einer alten Frau für den Enkel gehalten wird und sich für einige Zeit auf diese Rolle einlässt; von einem muslimischen Pärchen im Hochhaus, das durch einen in das Mädchen verliebten deutschen Mitbewohner in Nöte kommt; von einem Lokführer auf den Spuren eines Selbstmörders, der sich vor seinen Zug geworfen hat; oder von dem Ich-Erzähler, der die einstigen Kumpel aus dem Kohlenviertel sucht und nur noch auf Zerstörung, Selbstzerstörung und Tod trifft. Für den Leser ein Wechselbad der Gefühle und Bilder, der Ambivalenzen zwischen Zärtlichkeit, Zuneigung, aber auch Härte und Brutalität. Ein Leseereignis!