Rechtzeitig zum Finale des Nationalratswahlkampfs meldet sich ein Schwergewicht des österreichischen Politischen Kabaretts zu Wort. Alfred Aigelsreiter, Mastermind der Brennesseln (die sich nach 36 Jahren erst von ihrer langjährigen gleichnamigen Spielstätte trennen mussten und dann mehr oder weniger aufgelöst haben) hat nämlich das Beste aus 700 Nummern zusammengetragen und in ein neues Buch gefüllt. Und nach sage und schreibe 36 Programmen, die er von 1981 bis 2016 geschrieben hat, ist da natürlich etliches Verwertbares dabei.

Strukturiert ist es alphabetisch, quasi eine Art Lexikon des Politischen Kabaretts, beginnend mit A wie Absprache und endend mit Z wie Zukunft. Dazwischen tummelt sich alles, was Rang und Namen hat (oder ihn zu haben glaubt), also diverse (Ex-)Parteichefs, Minister und sonstige Politiker. Und natürlich hat Aigelsreiter auch etliche Dialoge abgedruckt, die einst für Lacher gesorgt haben - und die mitunter nach mehreren Jahrzehnten leider immer noch Gültigkeit haben. Der größte Pluspunkt dabei ist, dass Aigelsreiter bei seinen verbalen Rundumschlägen überaus fair bleibt: Er legt nämlich allen eine auf, egal welcher politischen Ausrichtung oder Couleur sie angehören. Und zwar mit einer Treffsicherheit, die sich aus Jahrzehnten der intensiven Beobachtung des politischen Geschehens speist. Da kommen die Roten und die Grünen wenn überhaupt, so nur unmerklich besser weg als die Blauen, die Pinken und die Schwarzen.

Als Leser durchlebt man dabei ein Wechselbad der Gefühle. Denn bei aller satirischen Überhöhung macht sich nur allzu oft das Gefühl breit, dass hier gar nichts überhöht wurde. Dass man hier lediglich die gesellschaftliche und politische Realität im Land beschrieben bekommt. Und - am schlimmsten - dass man sich selbst mittendrin befindet und ihr gar nicht auskommt. Sodass sich der Titel "Fußfrei in den Brennesseln" womöglich sogar auf den Leser selbet beziehen mag. Und das macht Aigelsreiters Satire noch brutaler - und lesenswerter.

Alfred Aigelsreiter: Fußfrei in den Brennesseln
Die besten Texte der Brennesseln
Mit einem Vorwort von Prof. Hans Holdhaus
Kral Verlag; 280 Seiten; 24,90 Euro