"Ein blauer Himmel ist für sie vollkommen nutzlos." Wenn es dunkel wird, erwacht Lola zum Leben. Dann zieht sie in Netzstrümpfen, Minirock und High Heels los und sucht im Pariser Großstadtdschungel nach Sex. Ihr ist jeder Mann recht, Hauptsache, er sorgt dafür, dass sie ihre Trauer und Einsamkeit für kurze Zeit vergisst. Nach dem Sex holt sie ihren Knipser hervor und schneidet ihrem Opfer einen Fingernagel ab, dann soll es sich zum Teufel scheren. Der Gedanke an ihre Trophäen, die sie in einem Glas zu Hause sammelt, beruhigt sie.

"Lola", der Debütroman der Pariserin Julie Estève, ist die tragische, mitreißende und provokante Geschichte einer Frau in ihren Dreißigern, die in ihrer Kindheit und Jugend gefangen ist. Den frühen Tod ihrer Mutter hat sie nie verwunden. Ihr Vater verfiel aus Überforderung und Trauer dem Alkohol, Lola brach vor elf Jahren den Kontakt mit ihm ab. Jetzt hat sich ihre Seele in Trauer, Einsamkeit und Alkohol aufgelöst. Ihr schöner Körper ist alles, was ihr geblieben ist.

Lolas immense Wut richtet sich auch gegen glückliche Paare - gerne stiftet sie Unruhe zwischen den Partnern - und gegen Alltagsroutine. Am meisten ist sie wohl von sich selbst angeekelt, auch ihr Schmerz und Selbsthass lassen sich leicht nachvollziehen. Sie kann nicht aufhören, Männer zu konsumieren, verkriecht sich danach betrunken ins Bett und macht andere für ihr Unglück verantwortlich. Andererseits ist es ganz sympathisch, dass sie Mittelmäßigkeit verabscheut, viel von der Liebe erwartet und nur die große Leidenschaft gelten lässt.

Vergleiche mit den Charakteren, Themen und der expliziten, teilweise vulgären Sprache im Werk Michel Houellebecqs und Virginie Despentes drängen sich auf, wobei es in jeder Hinsicht hier etwas weniger schockierend zugeht. Lola verdient ihr Geld im Unterschied zu den meisten Charakteren Despentes mit spießigen Bürojobs und philosophiert im Unterschied zu Houellebecqs Antihelden kaum über die Gesellschaft, in der sie lebt.

Estève liefert vor allem ein Psychogramm einer verzweifelten Frau, für die Sex weder Genuss noch Mittel zur Selbsterfahrung oder Befreiung ist, sondern allein ein Betäubungsmittel und Rachewerkzeug.

Als Nachbar Dove mit seinen bernsteinfarbenen Augen in ihr Leben tritt, scheint die Liebe noch einmal möglich. Je näher sie sich kommen, je mehr sie die Kontrolle verliert, desto mehr Angst bekommt Lola jedoch . . .