Jugendstilelemente

Einer der Gründe für das Scheitern ist vermutlich, dass "The Kinder Kids" keine richtige Identifikationsfigur anbietet, wie auch die Verhältnisse der Figuren untereinander nicht ganz klar sind. Die Ursachen dafür hängen wiederum mit der enorm kurzen Vorbereitungsphase zusammen. Zwischen Vertrag und Figurenkonzeption lagen drei knappe Wochen. Noch gewichtiger erscheint, dass die anspruchsvolle grafische Formensprache Feiningers, die auch japanische Zeichentraditionen und Jugendstilelemente aufnimmt, für das Leserpublikum überfordernd war.

Sein innovativer Umgang mit Farben und flächigen Formen kommt in "Wee Willie Winkie’s Welt" noch stärker zum Einsatz. Feiningers zweiter Comic wirkt außerdem wie ein Gegenmittel zu den abenteuergetriebenen "The Kinder Kids"-Folgen: Der kleine Willie Winkie zieht durch seine Umwelt und lässt auf einer ins Zeitlupenhafte gebremsten Weltreise die Dinge auf sich wirken, denn "komische Sachen" und Wunder eröffnen sich ihm auf Schritt und Tritt: Gähnende Häuser, tanzende Bäume, "pausbackige Wolken", "grinsende Krokodile" und haufenweise Ungeheuer lauern nahezu überall. Willie Winkie’s Blick für eine bis ins Groteske beseelte Welt, seine visuellen Projektionen könnte man auch als frühe Studie comicspezifischer Sehweisen lesen, denn genau dieses konstruktive Sehen und Zusammenfügen ist die Basis des Mediums und geht weit über den Comic hinaus.

Meilenstein

Obgleich das Comiczeichnen nur ein kurzes Intermezzo in Feiningers künstlerischer Biografie war, ist es eng mit dem Erwachen seiner kreativen künstlerischen Ambitionen als Maler verknüpft. Während Feininger niemals ein Hehl daraus machte und seine Comics entsprechend wertschätzte, legen die Kunstwissenschaften durch ihre chronische Nichtbeachtung dieser entscheidenden Phase in Feiningers künstlerischer Karriere, so der Comicexperte Alexander Braun, "ein beschämendes Zeugnis von entsprechend chauvinistischen Tendenzen" ab, indem sie glauben, den Bauhaus-Professor und Vertreter der Hochkultur - offenbar gegen dessen eigene Absichten - vor der Verbindung mit einer vermeintlich niederen Kunstform wie dem Comic in Schutz nehmen zu müssen. Stattdessen gibt es längst Stimmen, die in Feiningers Comicarbeiten einen Meilenstein in der Comic-Kunst oder sogar "seinen größten ästhetischen Triumph" (Art Spiegelman) erkennen.

Lyonel Feininger: "The Kinder Kids + Wee Willy Winkie’s Welt. Die legendären Comicstrips aus der Chicago Sunday Tribune". (Walde + Graf)

"Pioniere des Comic. Eine andere Avantgarde." Hg. v. Max Hollein und Alexander Braun. (Hatje Cantz Verlag)