Der Brunenn der Vergangenheit ist nicht nur tief, man kann auch hineinfallen wie in einen echten Brunnen. Die Palette der Brunnenmetaphorik, die Orhan Pamuk, türkischer Literaturnobelpreisträger des Jahres 2006, in seinem neuen Roman auffächert, beginnt mit der Frage des jungen Cem, "ob wir wohl recht daran taten, ins Innere der Erde zu streben statt zu den leuchtenden Sternen"; und entpuppt sich schließlich als großangelegter erzählerischer Versuch, die Fragerichtung umzukehren, also Zweifel daran zu säen, ob wir wirklich recht damit tun, (nur) zu den leuchtenden Sternen und in die Zukunft zu streben statt ins Innere der Erde - sprich, statt die Vergangenheit mit zu bedenken.

Mit der harschen Alternative in Gestalt dieser Frage scheint auch der Gegensatz zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne erfasst, zwei Polen, die etwas zu ausschließlich von den Ideologen der jeweiligen Kulturkreise für sich reklamiert werden. Unter der Unvermittelbarkeit dieser Pole, ihrem Entweder-Oder leiden Protagonisten des Buchs ebenso wie die heutige Türkei.

Koranverse

Per aspera (durch Mühsal) geht es nicht nur, wie man es im Westen gern hätte, ad astra, also zu den Sternen. Beträchtliche Mühen galt es in seligeren Zeiten auch dafür aufzuwenden, wollte man in die Tiefen der Erde vordringen, und sei es nur auf der Suche nach dem Urelement des Lebens: "Alles, was lebt, haben wir aus Wasser gemacht", besagt ein berühmter Koranvers, und aus dem Koran schöpft der Brunnenbaumeister Mahmut auch all die Legenden, die er seinem Lehrling Cem erzählt. Der ist eigentlich ein Bücherwurm - und Sohn eines Apothekers und linken Aktivisten, der die Familie für die Politik und eine schöne, rothaarige Geliebte verließ, sodass Meister Mahmut für Cem zum Vaterersatz wurde.

Den Brunnen bauen sie 1985 in Öngören, einer fiktiven Garnisonsstadt vor den Toren Istanbuls, ganz nah bei Silviri, wo am Ende des Buchs, in unserer Gegenwart, das "größte Gefängnis nicht nur der Türkei, sondern ‚von ganz Europa‘" liegt. Wenn es den Brunnenbauern gelingt, Wasser zu finden, winkt ihnen eine reiche Belohnung - und den Menschen von Öngören Arbeit in der Textilfabrik, die dort errichtet werden soll.

Dreißig Jahre später wird die Textilfabrik nach Bangladesch verlegt und das Grundstück von einer Immobilienfirma aufgekauft. Hochwertiger Wohnraum soll entstehen, eine neue Istanbuler Vorstadt. Um für das Projekt zu werben, kehrt der Besitzer der Firma nach Öngören zurück. Es ist niemand anderes als Cem, der hier von seiner tatkräftig verdrängten Vergangenheit eingeholt wird wie die Türkei heute von ihrem verdrängten islamisch-osmanischen Erbe.

Orhan Pamuk hat auch, aber keineswegs nur einen politischen Roman geschrieben. Wenn die Geschichte augenscheinlich eine Parabel ist, dann über die Grundfragen der Existenz ebenso wie über die aktuelle politische Lage in der Türkei. Die unausgesprochene Grundthese des Romans lautet: Die politischen Ereignisse sind eine Folge archetypischer Verhaltensmuster, die sich in der Türkei nur stärker als anderswo materialisieren und offen auf der Politbühne ausgetragen werden.

Fast beiläufig fällt gegen Ende des Buchs das Wort über "die Kurden und die oppositionellen Journalisten, die nun die Zellen füll[t]en, in denen früher putschende Militärs gesessen hatten"; während draußen in der Freiheit Immobilienhaie, die einen erstaunlich guten Draht zur Regierungspartei haben, Tipps über anstehende Baufreigaben erhalten. Korruption? Gewiss. Aber auf ähnlich zwielichtige Weise machen ihre Renditen auch jene deutschen Geschäftsleute, die, als Griechenland vor der Staatspleite stand, zahlreich in Athen anzutreffen waren, um sich die unter Wert angebotenen Immobilien zu sichern.

Es braucht keinen Autor, um diese Entwicklung zu bewerten; die Natur selbst spricht das Urteil. Die Wasserknappheit, nicht oppositionelle Journalisten, Kurden oder putschende Generäle werden, so Pamuks eindringlich leise Botschaft, dem Größenwahn der Regierenden die Grenzen aufzeigen. Die Islamistische Postmoderne der AKP, darin gelehrige Schülerin des Neoliberalismus, zehrt vom Versprechen, auch ohne aspera ad astra gelangen zu können.

Das Ergebnis ist eine Mentalität der Verantwortungslosigkeit, symbolisiert durch die neuesten Flüche der Ingenieurswissenschaft: Bohrmaschinen, die es ermöglichen, Grundwasser aus jeder Tiefe anzuzapfen.

Fluch der Technik

Aufgrund des so ermöglichten grenzenlosen städtischen Wachstums sinkt der Wasserspiegel immer tiefer. Das Streben zu den Sternen überantwortet die Erde der Dürre. Ein Beruf wie der von Brunnenbaumeister Mahmut, der seinen Schacht noch mit der Hand ausheben musste, wird ein Fall für den Nostalgiker: also den Romancier. Die überraschende Volte dieses hochkontrollierten, sich keinen Schlenker, kein Wort zu viel gestattenden Romans liegt darin, dass er den Antagonismus von Tradition und Moderne, von Ost und West als Vater-Sohn Konflikt deutet. Als Brunnenbaumeister Mahmut seinen Gehilfen, den späteren Immobilienhai Cem, dazu auffordert, an den gemeinsamen Abenden unter freiem Himmel eine eigene Geschichte beizutragen, fällt diesem keine andere ein als die von Ödipus - welche Meister Mahmut ganz und gar nicht gefällt. Intuitiv ahnt er, dass ihm dabei die Rolle von Ödipus’ Vater und damit die des Opfers zuteil wird.