Valeria Parrella ist beim Schreiben eine Seiltänzerin, sie spannt ihr literarisches Seil zwischen Himmel und Erde. Die meisten der acht Geschichten in ihrem neuen Erzählband, "Liebe wird überschätzt", befassen sich mit Menschen, die in ihrem Leben nach Sinn und Wahrheit suchen, wobei auch religiöse Konnotationen eine wichtige Rolle spielen - und die Sehnsucht nach Liebe oft mystisch überhöht wird.

In der Erzählung "Die Ausgesetzten" entscheidet sich eine Nonne und Äbtissin nach zwanzig Klosterjahren für eine Rückkehr in die Weltlichkeit. Als eines Tages ein unbekanntes junges Mädchen im Kloster ein Kind gebiert und kurz darauf verschwindet, will die Nonne dem Säugling ein Zuhause bieten und mobilisiert dazu ihre psychischen Kräfte: "Und was sie empfand, war nicht der Zorn, den der Kardinal manchmal in ihr erregte, der verflog sofort und den konnte sie verstehen. Es war etwas anderes, es gehörte einer Zeit an, als der Zorn die Triebkraft ihrer Entscheidungen gewesen war."

Gäbe es nicht Hinweise auf moderne Kommunikationsformen wie Facebook, wäre kaum zu erkennen, dass diese Erzählung in der Gegenwart spielt. Auch die anderen Geschichten lesen sich zum Teil wie aus der Zeit gehoben. So zum Beispiel, wenn ein ehemaliger Häftling über einen zu lebenslanger Haft verurteilten Mitgefangenen reflektiert:

"Sein Geist (. . .) folgte dem Rhythmus der Welt, ohne ihm hinterherlaufen zu können, und hatte den Fluchttunnel in die einzig erlaubte Richtung gegraben: in sein Inneres. Und in der Tiefe hatte er die tektonischen Beben erreicht und überwunden, dann war er zersplittert, hatte sich verkleinert und ausgedehnt, bis er sich mit der Geschwindigkeit des Gottesteilchens bewegte. Ohne dem Leben hinterherlaufen zu müssen, war der Gefangene der freieste aller Menschen und litt wie alle Menschen zusammengenommen."

Das Streben nach Erlösung ist in allen Geschichten präsent, in der titelgebenden Erzählung "Liebe wird überschätzt" ist es die 17-jährige Tochter eines Ehepaares, die den familiären Scheinkonsens entlarvt und Verlogenheit aufdeckt. In einer hochemotionalen Rede sagt sie zu ihren Eltern Sätze wie "Ihr habt’s geschafft, eure Gespenster bis hierher mitzunehmen". Oder: "Ihr habt die Luft mit Zeichen verstopft." Eine Jugendliche würde wohl kaum so reden, aber Parrellas Geschichten sind ohnedies nur wie mit einem seidenen Faden an die Realität angebunden.

In der Geschichte "Das letzte Leben" wird die spirituelle Komponente mit "Geist" benannt. Die Icherzählerin ist eine unheilbar an Leukämie erkrankte junge Frau. Ihre Mutter ist Buddhistin, doch von dessen Lehre ist auch die Sterbende geprägt: "Du gehst so lange von einem Körper in einen anderen Körper, bis du geheilt bist, dann ist Schluss." Und so mündet ihr Leben, wo es auf den Tod trifft, in eine letzte, alleswissende Zusammenschau und ein Eins-Sein mit den Dingen und der Welt.

Auch wenn man in diesem Erzählband für den eigenen Geschmack etwas zu viel Mystik oder gar missionarischen Eifer ortet, sind die Geschichten doch beeindruckend gut, voll Empathie und pointiert geschrieben.

Valeria Parrella, 1974 in Torre del Greco geboren, lebt in Neapel, ist promovierte Sprachwissenschafterin und Dolmetscherin für Gebärdensprache und arbeitete als Buchhändlerin und Schauspielerin. Ihre erste Kurzgeschichtensammlung, "Die Signora, die ich werden wollte" (2003), wurde mit dem Premio Campiello für das beste Debüt ausgezeichnet.