Für Lorraine hält der Sommer Liebeskummer bereit, auch sie wird wachsen. Angie aber bleibt zuerst einmal verschont, sie kriegt die volle Ladung Glück, auch wenn sie am Schmerz der Schwester erkennt, wie vielschichtig das Leben sein wird, das draußen auf sie wartet. Mit ihren Augen erlebt die Leserin, wie der Sommer über Wisconsin hereinbricht, alles verändert und wieder verschwindet.

Farbenprall

So sieht man am Anfang die Regenlacken, die in den Furchen wie blaues Glas funkeln, dort, wo der Wolkenbruch die jungen Tomatenpflänzchen zu Boden gepresst hat. Im Juli wachsen dann harte grüne Kugeln heran, an deren glatter Haut noch die Reste der vertrockneten gelben Blüten kleben. Noch später hängen die Tomaten prall und reif in der Sonne, während sich vom Boden die Grillen hineinfressen und Löcher in das feste Fruchtfleisch knabbern.

Abgelegte Naivität

Je heißer es wird, desto praller die Früchte, irgendwann röten auch schon die kleinen, kümmerlichen Tomaten, weil sie nicht mehr darauf vertrauen, dass sie noch genug Sonne abkriegen, um groß zu werden. Und schließlich ist der Sommer vorbei, die herbstliche Kälte hat eingesetzt, das Laub ist welk und die knotigen Tomatenranken, nass vom Tau, werden gerade noch rechtzeitig abgeerntet.

Das alles sieht Angie, während sie ebenfalls reift und staunend ihre Naivität ablegt. Sie ist keine von jenen Mädchen, die nur da-ran denken, den jungen Männern zu gefallen, sie kennt sich nicht aus, hat noch nie Bier getrunken, weiß nicht, wie eine Party funktioniert und was man so miteinander redet, wenn es nichts zu sagen gibt. Aber sie wird es lernen, und wenn der Sommer vorbei ist, beherrscht sie die Spielregeln der Gesellschaft. Aber weil sie diese auch durchschaut, muss sie ihnen nicht unbedingt folgen.

Erste Liebe also. Und ausgerechnet der attraktivste Bursche der Stadt beginnt scheu um Angie zu werben: Jack. Nach heutigen Maßstäben wäre der Typ ziemlich uncool. Er träumt nicht vom Geld oder der großen Karriere, sondern von einem anständigen einfachen Leben. Er trägt einen Bürstenhaarschnitt, und wenn der Wind vom See her kühl herüberweht, legt Jack Angie fürsorglich seinen Basektballpullover über die Schultern. Am Schluss bittet er Angie, ihn zu heiraten, aber die steigt in den Zug, der sie in ein neues Leben bringen wird. Auch wenn sie ahnt, dass sie Jack nicht mehr wiedersehen wird.

Heile 40er-Jahre-Welt

Worin liegt der Zauber dieses Romans? Im Zurückgleiten in selige Lesestunden der Kindheit? Nicht nur Anna Jeller hat als Dreizehnjährige diese und ähnliche Geschichten verschlungen. Ist es die Sehnsucht nach Romantik - Händchenhalten am Lagerfeuer, zaghafte Küsse am Ufer des Sees?

Oder ist es das Bild einer vergangenen Zeit? Natürlich ist auch der sozialhistorische Kontext dieses Romans interessant. Wo einem noch eine heile amerikanische Welt der 40er Jahre vor Augen geführt wird, mit jungen Menschen, welche die Ideale ihrer Generation vertreten. Die jungen Männer arbeiten in den Ferien in den elterlichen Betrieben.

Die Mädchen besorgen den Haushalt, und wenn die Eltern es erlauben, gehen sie abends mit ihren Verehrern aus. Dann wird der junge Mann bei den Eltern vorstellig, verspricht, auf sein Mädchen aufzupassen - und tut es auch. Obwohl er raucht und Bier trinkt und dabei Auto fährt. Nach einer Runde um den See, einer kleinen Tanzerei zur Musicbox im Drugstore bringt er sie pünktlich wieder nach Hause. Ein unschuldiger Abschiedskuss. Der zeitgeschichtliche Faktor macht den Roman zweifellos lesenswert. Aber das ist, ehrlich gesagt, nur eine Ausrede . . .

Maureen Daly wurde Journalistin und arbeitete unter anderem für "The Chicago Tribune". Später schrieb sie zusammen mit ihrem Mann, William P. McGivern, Kriminalromane. Wie Angie hatte sie drei Schwestern, alle vier Mädchen wurden erfolgreiche und unabhängige Frauen.

Anna Jeller las sich seit ihrer frühen Jugend quer durch die Literatur, eröffnete 1985 eine Buchhandlung und gründete nun ihren eigenen Verlag. Welches Buch sie wohl als nächstes "retten" wird? - "Ach", sagt die Verlegerin lächelnd, "ich hab da schon Ideen, aber darüber will ich noch nicht reden. Warten wir mal ab, wie sich das Weihnachtsgeschäft entwickelt . . ."