Vereinfachend gesagt, geht es in "Autolyse Wien" um zwei Grundfragen: Aus welcher Art von Leben werden die Menschen herausgerissen? Wie kommen sie mit den neuen Verhältnissen zurecht? Das reicht von großer Verstörung bis zu pragmatischer Problemlösung. Auffällig ist, dass die Romanfiguren meist als Einzelkämpfer ihren Lebensweg fortsetzen. Die wenigen anderen, die es noch gibt, sind eher Bedrohung als willkommene Hilfe. Nähe entsteht eher zwischen Mensch und Tier als zwischen Mensch und Mensch. Auch die Ich-Erzählerin, die in der zweiten Hälfte des Buchs ihr Projekt "Schöner sterben" gestaltet, schließt Freundschaft mit einer Hündin. Erinnerungen an Marlen Haushofers "Die Wand" liegen nicht allzu fern.

Trübe Verhältnisse

Eine Wiener Dystopie etwas anderer Art gestaltete Marlen Schachinger in ihrem Roman "Martiniloben" (2016). Geschäfte werden geplündert, ein Bezirksamt brennt. Gesellschaftliche Spannungen, in deren Zentrum das heiße oder aufgeheizte Thema Migration steht, werden zu Zerreißproben. Aus den bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen in der Großstadt hat sich Mona, die weibliche Hauptfigur, gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten in das Weinviertel zurückgezogen.

Aber die gesellschaftspolitischen Krisenerscheinungen machen vor dem Dorf nicht Halt. Als Flüchtlinge einquartiert werden, verbreitet sich rasch das Klima von Misstrauen, Verdächtigung und irrationaler Angst. Haltlosen Gerüchten über angebliche Übergriffe glaubt man bereitwilliger als augenscheinlichen Fakten. Und Mona, die ehrenamtlich Deutschkurse für Migranten hält, wird bald zum Opfer offener Feindseligkeiten.

Das Dorf als soziales Projekt, sagt Mona, existiert schon lang nicht mehr. Man feiert zwar noch das Fest des heiligen Martin, aber die soziale Botschaft des Heiligen bleibt ausgeblendet. "Martiniloben" ist reine Folklore, aber nicht ethische Verpflichtung. Marlen Schachinger verknüpft den politischen Ausnahmezustand mit Monas privater Krise. Sie gerät finanziell unter Druck, droht unter der Anhäufung von privaten Schwierigkeiten gesundheitlich zusammenzubrechen und sieht sich in einer Art Verengung nur mehr von Feindseligkeit umstellt. "Weltunglück geistert durch den Nachmittag". So brachte Georg Trakl die trüben Seelenverhältnisse ins poetische Bild.

Man sieht sie nicht. Man hört sie nicht, aber angeblich sind sie auf der Erde gelandet: die Außerirdischen. Wer sie sind, was sie wollen und wie sie mit den Menschen umgehen werden, bleibt wochenlang unbekannt. Zuerst herrscht ungläubiges Staunen. Gerüchte machen die Runde. Man kehrt zur Normalität zurück - genauer gesagt: zu dem, was wir mittlerweile für normal halten.

Normalität, das heißt in Zeiten wie den unseren: Die Medien sind immer dabei. Sol, der Ich-Erzähler in Doron Rabinovicis Roman "Die Außerirdischen", ist Mitarbeiter eines Online-Magazins für Gourmets. Der Themenschwerpunkt des Magazins verschiebt sich nach der Landung der Außerirdischen - und das liegt nicht so ferne, denn mit Nahrungsaufnahme hat der Besuch der Außerirdischen tatsächlich etwas zu tun.

Sie schlagen ein makabres Geschäft vor: Die Aliens sorgen für die gedeihliche Entwicklung unseres Planeten. Dafür bekommen sie essbare Menschenopfer in überschaubarer Zahl - und zwar freiwillige. In aufwändigen Wettkämpfen soll entschieden werden, wer für die Außerirdischen den Mittagstisch bestellen muss.

Den Siegern hingegen wird sagenhafter Reichtum versprochen. Unter solchen Bedingungen melden sich viele "Champs", die zu einem Kampf auf Leben und Tod bereit sind. Sehr schnell werden die Menschen zu Gefangenen eines Systems, das sie selbst herbeigeführt oder wenigstens zugelassen haben.

Marlene Streeruwitz beschäftigt sich in der fünften ihrer Paderborner Poetik-Vorlesungen ("Das Wundersame in der Unwirtlichkeit", 2017) mit "technischen Aliens", mit Gegenwart und Zukunft künstlicher Intelligenz. Die "Außerirdischen", über die sie nachdenkt, sind irdischen Ursprungs, sind vom Menschen hervorgebrachte Maschinen, die zwei wesentliche Fähigkeiten mit der menschlichen Spezies teilen: Lernen und Netzwerken.

Der Unterschied zum Menschen besteht allerdings darin, dass diese technischen Aliens nichts über sich selbst wissen. Ihre Materialität ist eine andere als unsere Körperlichkeit. Nach welcher Logik sie funktionieren werden, welche Weltanschauungen Grundlage ihres "Lebens und Netzwerkens" sein werden, entscheiden ihre menschlichen Gestalter. Und diese Entscheidungen müssen einer demokratischen Kontrolle unterworfen werden.

Marlene Streeruwitz entwirft in ihrer Vorlesung kein Horrorszenario künstlicher Intelligenz. Dass wir mit den technischen
Aliens zusammenleben (werden), ist eine nicht mehr umkehrbare Tatsache. Umso wichtiger ist es, die Eigenart dieser "Fremdlinge" unserer demokratischen Kontrolle zu unterwerfen. "So gesehen können technische Aliens in einer demokratischen Kultur willkommen geheißen werden. Aber. Wenn wir Aliens mit Fremdlinge übersetzen. Wenn wir uns die Macht vorstellen, die mit ihrer Hilfe über uns ausgeübt werden kann. Und wenn es nicht gelingt, die Frage, wie technische Aliens in die Welt kommen, demokratisch zu lösen. Dann könnte es sein, dass wir selbst zu Fremdlingen werden."

Festungsruine Europa?

Von heftigen politischen Verwerfungen handelt Eva Schörkhubers Roman "Nachricht an den Großen Bären" (2017). Die europäische Ordnung ist krachend aus der Verankerung gebrochen. Wohlstand und soziale Sicherheit sind erodiert. Zwölfstundentage sind das Übliche. Mehr als einen Arztbesuch pro Monat gibt es nicht mehr - außer man bezahlt dafür.

Die Reichen werden nicht mehr besteuert, der Mittelstand verliert den Boden unter den Füßen. Die Deklassierten suchen die Schuld bei anderen Deklassierten, vor allem bei Migranten, die aber ohnedies ausgesperrt werden, so gut es geht. Die "Festung Europa", die den alten Traum vom einigen Europa abgelöst hat, ist in egomanische Nationalstaaten zerfallen.