Die "Meute", eine Gruppe selbsternannter Ordnungshüter, sorgt eher für Terror als für Ordnung. Der Staat kann Sicherheit nicht mehr gewährleisten, und die Regierung - sofern man noch von einer solchen sprechen kann - ist in der Hand der extremen Rechten.

Nicht so apokalyptisch und kafkaesk-surreal wie Eva Schörkhuber, sondern im Stil des realistischen Zeitromans hat sich Robert Menasse in "Die Hauptstadt" am Thema Europa abgearbeitet und ist dafür mit dem Deutschen Buchpreis 2017 gewürdigt worden. Dennoch ist auch seine Einschätzung des Friedensprojekts Europa im Laufe der Jahre skeptischer geworden. Wir erinnern uns an seinen Essay "Der Europäische Landbote" (2012), als Menasse, beeindruckt von einem Aufenthalt in Brüssel, seine politischen Hoffnungen bei der Europäischen Kommission in zuverlässigen Händen wähnte und sich für ein Zukunftsprojekt "Europa der Regionen" aussprach.

Der Grundton im Roman "Die Hauptstadt" ist nicht mehr so optimistisch. Um der Vielschichtigkeit des Europa-Themas gerecht zu werden, eröffnet und verknüpft Robert Menasse mehrere Handlungsstränge, die an den Handlungsort Brüssel gebunden sind und an verschiedene Figuren, zum Beispiel an Martin Susman. Der österreichische EU-Beamte soll einen Beitrag zu einem Jubilee Project der Europäischen Kommission liefern.

Die Projektrealisierung leidet aber von Anfang an darunter, dass sie in erster Linie die Kar-riere von Susmanns Chefin fördern soll. Die Idee, das Jubilee Projekt mit Auschwitz als Symbolraum zu verbinden, weil doch das Ziel einer europäischen Friedensordnung nach 1945 darin bestanden habe, in Europa Krieg, Terror und Diktatur zu verhindern, stößt nicht auf ungeteilte Begeisterung. Ein Räderwerk aus Intrige, Eitelkeit und Karrierismus setzt sich in Bewegung.

Auch Martin Susmans älterer Bruder Florian, umtriebig in Sachen Schweinezucht, scheitert mit seinem Versuch, die europäischen Partner von der Zweckmäßigkeit einer gemeinsamen Handelspolitik zu überzeugen. Im Zweifelsfall siegen nationale und persönliche Interessen über europäische Solidarität, im Roman und leider auch im wirklichen politischen Leben.

Fortuna und der Schelm

Karl Marx meinte, geschichtliche Vorfälle samt ihren Hauptdarstellern ereigneten sich zweimal, einmal als Tragödie und einmal als Farce. Als Wolfgang Schüssels strategische Säure vor 17 Jahren die Große Koalition zersetzte, sprach Robert Menasse zur Irritation der intellektuellen Community von einem "Glückstag".

Menasse baute auf die dialektische List der Geschichte, die unsere sozialpartnerschaftliche Freunderlwirtschaft aufheben und auf das Niveau einer echten parlamentarischen Demokratie hinaufheben könnte. Was dann kam, waren das schwarz-blaue Gruppenbild mit Grasser und das Weihespiel "Landesvater Jörgls Glück und Ende" auf der Kärntner Heimatbühne. 2017 scheint sich die Geschichte mit neuen Akteuren zu wiederholen, und ganz werden wir den Verdacht nicht los, dass sich in Österreich historische Konstellationen zweimal als Farce ereignen.

Wo die Farce Geschichte schreibt und Fortuna ihre Launen auslebt, hat der Schelm seine literarischen Auftritte. Von Grimmelshausens Simplicissimus bis Günter Grass’ Oskar Matzerath zieht er seine tragikomische Spur durch die europäische Kulturgeschichte. Jetzt hat Daniel Kehlmann dem Typus Schelm neues Leben eingehaucht. Den Dyl Ulenspiegel des 14. Jahrhunderts versetzt er als Tyll in das 17. Jahrhundert, in die Zeit grausamer Glaubenskriege, in denen religiöser Fanatismus und machtpolitisches Kalkül gemeinsame Sache machten.

Das ist glücklicherweise vorbei, denken wir, allerdunkelste Vergangenheit. So etwas wiederholt sich nicht mehr. Und wenn doch, dann hoffentlich nicht als Tragödie, sondern nur als Farce. Das wär dann grad noch ein Glück. Und für diesen Fall gilt noch immer das tiefgründige Mantra der Tante Jolesch: "Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist".