"Ich schreibe über das Glück", sagt Franz Schuh in seinem Buch "Fortuna. Aus dem Magazin des Glücks" (2017) - und wir möchten ihm vorlaut in den Satz fallen: Das machen Sie nicht zum ersten Mal, Herr Schuh! Ihr Essayband "Schreibkräfte" aus dem Jahr 2000 trug den Untertitel "Über Literatur, Glück und Unglück". Damit haben Sie uns schon damals klüger und ironischer gemacht, aber glücklicher sind wir nicht geworden, denn wenn Sie über das Glück schreiben, schreiben Sie vor allem über das Unglück.

Sie zitierten Walter Benjamin: "Glücklich sein heißt ohne Schrecken seiner selbst innewerden können." Ein bescheidener Anspruch, wie Sie selbst zugegeben haben. Und Sie erinnerten uns Glückssucher an den Pflichtethiker Kant, der dem Glück mit Geringschätzung begegnete. Jeder Mensch strebe nach Glückseligkeit, sagte Kant, aber könne niemals vernünftig sagen, was er da eigentlich wolle und wünsche.

Sie, Herr Schuh, hielten dem nüchternen Kant in einem eleganten Oxymoron "unterstützend dagegen", dass sich das Glückserlebnis gerade in seiner Unbestimmtheit und Unberechenbarkeit zeige. Immerhin!

Wenn Franz Schuh über das Glück schreibt, schreibt er vor allem über das Unglück. - © Franz Wimmer
Wenn Franz Schuh über das Glück schreibt, schreibt er vor allem über das Unglück. - © Franz Wimmer

Glück haben, das kann man nämlich schon. Franz Schuh weiß es aus eigener Erfahrung. In "Fortuna" erzählt er von einem glücklichen Zufall, der seiner philosophischen Daseinsform im entscheidenden Augenblick Richtung gegeben hat.

Glück als Widerspruch

Just in der Stunde, in der er drauf und dran war, sein bis dahin wildes Philosophieren zur strengen Wissenschaft glattzuschleifen, sei er im Stadtpark einem Assistenten am Philosophischen Institut begegnet, der ihn vor diesem allzu ernsten Schritt gewarnt habe: Der Mensch existiere nun einmal in seinen Widersprüchen. Philosophisches Denken von diesen Widersprüchen zu reinigen, reduziere dessen Möglichkeiten.

Diese zufällige Begegnung im Stadtpark, behauptet Schuh, war ein Glück, und wir stimmen ihm zu. Das Erhellende und Überraschende, das Witzige und stilistisch Bezaubernde an Schuhs essayistischem Schreiben ist nicht zuletzt der Entscheidung zu verdanken, das Disparate nicht einzuebnen zugunsten trügerischer Eindeutigkeit und Sicherheit.

Wenige Monate vor Franz Schuhs "Fortuna. Aus dem Magazin des Glücks" erschien Elisabeth Reicharts Roman "Frühstück bei Fortuna" (2016). Die Protagonistin, Wissenschafterin in einem Institut für Zellforschung, kümmert sich um Zellen, die andere Forscher beschädigt haben. Dass damit kein Wissenschaftspreis zu gewinnen ist, stört sie nicht. Bei ihren Zellen fühlt sich die Frau wohl, vielleicht sogar glücklich.

Von den Menschen kann sie das nicht behaupten. Abgrenzung ist der namenlosen Protagonistin zur unentbehrlichen Schutzhaltung geworden. Ein Handlungsstrang des Romans nimmt auf das Thema Migration Bezug. Zwei minderjährige Migranten aus Afghanistan finden auf kuriose Weise Zugang zum Institut für Zellforschung und widmen es zum Lebensraum um. Wer auf der Flucht ist, braucht eine Menge glückliche Zufälle. Nicht ohne Grund scheint die Glücksgöttin in Elisabeth Reicharts Romantitel auf. Sie ist bekanntlich launenhaft. "O Fortuna, velut luna / statu variabilis" (O Fortuna, du bist wechselhaft wie der Mond), sang schon der mittelalterliche Vagant.

Erzählen österreichische Autorinnen und Autoren heute von der Zukunft, eröffnen sie trübe Aussichten. Auf günstige äußere Umstände, die dem Glück des Einzelnen förderlich sind, können wir nicht bauen. Und es scheint, als bestätige sich weit über das 20. Jahrhundert hinaus Jonathan Peachums pessimistische Bestandsaufnahme: "Das Recht des Menschen ist’s auf dieser Erden / Da er doch nur kurz lebt, glücklich zu sein [. . .] Doch leider hat man bisher nie vernommen / Daß einer auch sein Recht bekam - ach wo! / Wer hätte nicht gern einmal Recht bekommen / Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so." (B. Brecht: "Die Dreigroschenoper").

Nur mehr Ruinen

Die Verhältnisse in den literarischen Zukunftsentwürfen sind tatsächlich nicht so besonders rosig. In Karin Peschkas Prosaskizzen "Autolyse Wien" (2017) hat es die Bundeshauptstadt schlimm erwischt, vielleicht durch eine Klimakatastrophe, vielleicht durch ein schweres Beben. Was passiert ist, wird metaphorisch angedeutet: "Vor drei Monaten hatte sich die Welt im Weiterdrehen an etwas gerieben und sich dabei die Haut abgeschürft." Wenn sich ein Planet die Haut abschürft, sind die Folgen monströs.

Es gibt fast nur mehr Ruinen. Verwesungsgeruch liegt in der Luft, und die Natur holt sich so nach und nach den großstädtischen Kulturraum zurück.

Vereinzelt haben Menschen überlebt. Da gibt es zum Beispiel den namenlosen Mann, der schon bisher "in freiwilliger Abwendung von dem, was er ‚das System der Gesellschaft‘ nannte", auf der Straße gelebt hat. Ein anderer ist Erich, der durch die Katastrophe aus der geschlossenen Psychiatrie entkommen ist. Glück im Unglück? Sugar hat 43 Jahre Bühnenerfahrung hinter sich, aber wen interessiert das jetzt noch? Sebastian, der Chaot der Familie, wollte seinem holprigen Leben ein Ende machen, als er von der Katastrophe daran gehindert wurde. So paradox kann ein Leben verlaufen.