Wien. Die Nazis haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Der Holocaust wurde nie aufgedeckt. In dieser Welt spielt "Vaterland", der Bestseller, der dem BBC-Journalisten Robert Harris 1992 zum Durchbruch verhalf. 1995 beschäftigte er sich in "Enigma" mit dem Knacken des gleichnamigen deutschen Codes während des Zweiten Weltkrieges. Mehr als 20 Jahre schrieb Harris danach nicht mehr über Nazi-Deutschland. Stattdessen führte er seine Leser etwa mit seiner Cicero-Trilogie und "Pompeji" in die Antike. Nun ist der Engländer zu seinen literarischen Wurzeln zurückgekehrt. In "München" (Heyne Verlag, 22,70 Euro) widmet er sich dem Münchner Abkommen von 1938.

"Chamberlain war ein gerissener Politiker", so Harris. - © Diva Shukoor
"Chamberlain war ein gerissener Politiker", so Harris. - © Diva Shukoor

"Wiener Zeitung": Herr Harris, in England ist das Interesse an Hitler und dem Zweiten Weltkrieg über 70 Jahre nach Kriegsende weiterhin enorm. Wie erklären Sie sich das?

Robert Harris: Überall in der Welt sind Menschen an Hitler interessiert, weil er so ein extraordinäres Phänomen war. Das Böse zieht immer Interesse auf sich. Kein anderes europäisches Land denkt aber so wie die Briten über den Zweiten Weltkrieg. Kein anderes Land blickt auf 1940 (Westfeldzug der Nazis, Luftschlacht um England, Anm.) mit etwas anderem als Bestürzung zurück. Für die britische Geschichte aber ist 1940 eine Legende, ein Mythos. Es ist unsere große Zeit. Das macht uns in Europa einzigartig und erklärt auch aktuelle, politische Entwicklungen.

Inwiefern?

Es gibt eine Obsession für diese Ära. Sie ist tief in unserer Kultur verwurzelt. Sie hat zu den Überzeugungen geführt, dass es Großbritannien alleine besser geht und es Europa irgendwie überlegen ist. Das sind gefährliche Mythen, die ihre historischen Wurzeln in den Ereignissen des Krieges haben. Sie haben ihren Teil zur Mentalität beigetragen, die zum Brexit geführt hat.

Gemeinhin gilt der britische Premierminister Winston Churchill ja als der Kriegsheld, der die Nazis besiegt hat. Sein Vorgänger Neville Chamberlain wird hingegen wegen seiner Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler verschmäht. In "München" zeichnen Sie ein positiveres Bild von Chamberlain. Warum?

Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben - und der Sieger in Großbritannien war Churchill. Natürlich ist die Appeasement-Politik gescheitert. Das Münchner Abkommen war schandvoll, insofern jede Vereinbarung mit Hitler schandvoll war und einem souveränen Staat Territorium weggenommen wurde. Aber ich glaube nicht, dass es eine Alternative gegeben hat.

Warum gab es die nicht?

Hitler hat sicher nicht geblufft, er wollte im September 1938 den Krieg. Wahrscheinlich hätte es 1938 also einen Krieg gegeben. Hitler hätte schnell die Tschechoslowakei überrannt. Die Briten und Franzosen wären für den Kampf nicht bereit gewesen und hätten für eine seltsame Sache gekämpft. Ihre Länder wären nicht vereinigt gewesen. Chamberlain war also sehr geschickt darin, Hitler in eine Position zu manövrieren, aus der er keinen Krieg anfangen konnte. Er war ein kalkulierender, gerissener und harter Politiker. Hitler musste wegen ihm seinen Zeitplan für den Krieg um ein Jahr verschieben.

Aber hat man Hitler zu lange gewähren lassen - etwa, als er die Wehrmacht aufrüstete, 1936 das Rheinland remilitarisierte und 1938 Österreich annektierte?

Die nachträgliche Einsicht ist eine tolle Sache. Ja, im Nachhinein wäre es besser gewesen, wenn man ihn früher gestoppt hätte. Aber wie weit will man zurückgehen? Es war auch ein Fehler, dass man ihn zum Reichskanzler gemacht hat. Der einzige Punkt, an dem es möglich und moralisch notwendig wurde, Hitler zu stoppen, war, als er in ein Land einmarschierte, das in keiner Weise "deutsch" war. Und bei aller Fairness: Chamberlain hat 1939 die Hälfte aller britischen Steuereinnahmen in die Aufrüstung investiert und Hitler in dem Moment den Krieg erklärt, als die Nazis die Grenze nach Polen überschritten.

Wechseln wir zu Ihren Romanen über Cicero. In denen geht es vielfach um Populisten, die nach Macht streben. Sehen Sie hier Parallelen zur Gegenwart?

Ja. Derzeit hetzen enorm reiche Männer den Mob, die Bevölkerung gegen die Elite auf. Das ist gegen Ende der römischen Republik immer und immer wieder passiert. Denken Sie an Catalina, Caesar, Marcus Antonius. Sie waren alle sehr reich. Dennoch haben sie sich auf die Seite des einfachen Mannes gestellt und Männer wie Cicero als korrupte Elite attackiert. Man sieht eindeutig, dass das Gleiche bei Trump passiert und all den Millionären, die den Brexit unterstützt haben.

In Rom ist die Republik zerstört worden. Wie können wir es besser als die Römer machen?

Demokratie ist rar in der menschlichen Geschichte. Wir aber betrachten sie als selbstverständlich. Das ist das Problem. Nun wird die Demokratie attackiert - von allen Seiten. Stichwort: Fake News. Das ist eine große Gefahr, die wir noch nie zuvor gesehen haben. Die Menschen hören, was sie hören wollen, sie lesen, was sie lesen wollen. Ohne Argumente, die im Zentrum von intelligenten Debatten stehen, und ohne akzeptierte Fakten kann es aber keine Demokratie geben.