Wien. "Literatur im Herbst", das alljährliche Festival der "Alten Schmiede", hat in früheren Jahren meist über Grenzen geblickt und Literaturen anderer Länder und Kulturen vorgestellt. Heuer geht die Reise nicht in räumliche Fernen. Stattdessen versucht die Veranstaltung vom 24. bis 26. November eine Neubegründung linker politischer Perspektiven und besinnt sich zu diesem Zweck auf ein historisches Vorbild.

"Dialektik der Befreiung": Der Titel des durchaus kämpferisch angelegten Programms knüpft bewusst an den Kongress "Dialectics of Liberation" an, der 1967 in London stattgefunden hat. Die Organisatoren vor 50 Jahren waren Ronald D. Laing und David Cooper, die als Verfechter der "Anti-Psychiatrie" in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen sind. Ihr zentrales Ziel war die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, die Dekonstruktion des bürgerlichen Subjektgedankens und die Emanzipation aller Randgruppen und Minderheiten. Neben den Organisatoren sind damals unter anderem der Philosoph Herbert Marcuse, der schwarze Bürgerrechtler Stokely Carmichael und - als einzige Frau - die Performance-Künstlerin Carolee Schneemann aufgetreten.

Die schriftlichen Resultate dieses Kongresses wurden von Philipp Katsinas als Buch herausgegeben. Im Wiener Verlag "Bahoe Books" ist es soeben erschienen ("Dialektik der Befreiung",176 Seiten, 14,00 Euro). Und im Odeon wird die Diskussion von damals in einer Reihe von Vorträgen, Gesprächen und Filmen fortgesetzt. Dabei geht es nicht um wertfreie Geschichtsforschung, sondern - der Begriff "Dialektik" deutet es schon an - um eine kritische Wiedergewinnung und zeitgemäße Weiterentwicklung linken Denkens und Handelns. Lang ist die Liste der Themen, die Walter Famler, der Organisator von "Literatur im Herbst" im voraus formuliert hat. Unter anderem steht da zu lesen: "Der virtuelle Staat. Repressive Toleranz. Kritik und Affirmation. Idiotie und Intellekt."

Von Literatur wird dabei auch die Rede sein, denn einige namhafte Autorinnen und Autoren stehen auf dem Programm. Am Samstag liest der italienische Romancier Maurizio Torchio, und am Sonntagabend treten Nora Bossong und Colson Whitehead auf. Den Verfasser von "Underground Railroad" könnte man als "Stargast" ankündigen, wenn dies nicht ein zu kommerzieller Begriff für den marxistischen Kontext wäre. Aber aufs Ganze gesehen, treten bei dieser "Literatur im Herbst" mehr Gesellschaftstheoretiker auf als Dichterinnen und Dichter - auch das entspricht dem linken Erbe.

Eben diesem Erbe ist es wohl auch zuzuschreiben, dass die Titel der einzelnen Sektionen von demonstrativer Unanschaulichkeit und Sprödigkeit sind: Am Nachmittag des 25.11. werden etwa die "Regierung des Prekären und Ökologie der Existenz" von der Politologin Isabell Lorey und dem Philosophen und Aktivisten Thomas Seibert abgehandelt. Am 26.11. diskutieren die Kulturwissenschafterin Katja Diefenbach, der Hochschullehrer Felix Ensslin und der Soziologe Stephan Lessenich über ein Problem, das im Programm mit dem Titel "Die Externalisierungsgesellschaft und die Politik der Potentialität" angekündigt wird. Solche Formulierungen gehorchen nicht der zeitgeistigen Forderung nach lockerer Entspanntheit, passen aber gerade deshalb ins Konzept einer Veranstaltung, deren Hauptinteresse in der Kritik und Verweigerung des Mainstream liegt.

Die schwierige Frage, wie aus der Theorie Praxis werden kann, wird im Wiener Odeon auch bedacht - so schon vom Regisseur und Essayisten Milo Rau, der in seiner Eröffnungsrede am Abend des 24.11. gut dialektisch eine "Rückeroberung der Zukunft" fordert.

Literatur im Herbst, Dialektik der Befreiung, 24.11. bis 26.11., Eröffnung Freitag, 24.11. 19.00 Uhr, Odeon, Taborstraße 10, 1020 Wien, Eintritt frei. Programm unter: info@alte-schmiede.at