Sie leben außerhalb von London im Grünen. In der "Enklave", wie sie es nennen. Ihre Ehemänner, einstmals hohe Tiere in Militär oder Wirtschaft, haben ausgedient, die Kolonien haben sich aufgelöst, die Heimgekehrten sitzen ein bisschen zwischen den Stühlen. Und wenn Majorie abends am Bahnhof wartet, fürchtet sie bisweilen, den falschen Ehemann mit nach Hause zu nehmen. Grau und müde sind sie ja alle, "eine Armee blasser Männer, die aus dem Untergrund kamen wie Seelen aus der Hölle." Sie tragen "teure Anzüge und staatstragend angeschlagene Aktentaschen".

Die meisten von Jane Gardams Geschichten handeln von wichtigen Männern und ihren ergebenen Ehefrauen, sie handeln von versiegender Größe und vergänglichem Ruhm. Man war einmal wer, in Hongkong oder einer anderen Kolonie des Empire. Nun ist die Strickweste an den Ärmeln geflickt, und das Geld reicht nicht mehr für die Heizung. Aber mag das Porzellan auch ramponiert sein, so trinkt man den Tee immer noch mit Noblesse, das schuldet man der Vergangenheit.

Beinahe, und weil wir ja spätestens seit Hemingway von der Kraft des Autobiografischen wissen, möchte man sich Jane Gardam genau so vorstellen: In einem etwas schäbigen Schaukelstuhl auf einem verschlissenen Orientteppich von vergangenem Wert, in eine Wolldecke gehüllt vor dem erkalteten Kamin. - Falsch. Sind ihre Figuren auch in einer sozialen Abwärtsbewegung, so ging es mit der Karriere der Autorin immer nur bergauf.

Jane Gardam, geboren 1928, verheiratet mit einem Richter der Krone, drei Kinder, war immer am Schreiben, auch gegen den Willen des Vaters und so mancher Lehrerin. Aber - und hier zeigt sich die Parallele zu ihren Figuren - sie war stets eine Frau, die sich den Strukturen gefügt hat. Erst an dem Tag, als ihr jüngstes Kind eingeschult wurde, begann sie ernsthaft mit der literarischen Arbeit. Und wurde erfolgreich. Zahlreiche Literaturpreise bestätigen das.

Ist der Ruhm ihrer Romanfiguren gleichzeitig mit jenem des Empire am Schwinden, so wurde Gardam 2009 zum OBE, Officer des Order of the British Empire, ernannt. Was beinahe eine ironische Gegenentwicklung zu ihren Geschichten darstellt.

Im deutsprachigen Raum galt Jane Gardam lange Zeit als Geheimtipp, erst der Erfolg ihrer Romantrilogie "Ein untadeliger Mann", "Eine treue Frau" und "Letzte Freunde" hat ihre Bücher auch hierzulande in die vorderen Schaufensterreihen der Buchhandlungen gerückt. Die großartige Geschichte von Richter "Old Filth" Feathers, seiner Frau Betty und dem Erzfeind/heimlichen Geliebten Veneering, aus mehreren Perspektiven ausgeleuchtet, wurde über Englands Grenzen hinaus zum Bestseller.