Rosalia Hörl, geborene Schichtl, lebte im späten 19. Jahrhundert als Haushälterin und Hebamme in Braunau am Inn. Ihrem eigenen Bericht zufolge arbeitete sie im Haus von Adolf Hitlers Eltern und wirkte an der Geburt des zukünftigen "Führers" als Hebamme mit.

Diese Geschichte erzählt Henning Burk in seinem autobiografischen Essay "Hitler, Braunau und ich". Der Autor ist ein Urenkel jener Rosalia Hörl, die er zwar nicht mehr persönlich gekannt hat, die er sich aber als "eine energische, selbstbewusste Frau" vorstellt. Zu seinen lebhaftesten Familienerinnerungen gehört die Überlieferung, dass diese Urgroßmutter zu sagen pflegte: "Wenn ich gewusst hätte, was aus dem kleinen Adolf mal wird, hätte ich ihm die Nabelschnur um den Hals gelegt".

Aufgewachsen ist Henning Burk im hessischen Kurort Bad Nauheim, dem Geburtsort seines Vaters. Aber geboren ist er 1945 in Braunau, wo seine Mutter zur Welt gekommen ist.

Nach dem Tod der Mutter begibt er sich auf die Suche nach dieser österreichischen Seite seiner Herkunft. Er reist nach Braunau und untersucht, wie die Stadt mit der schweren Erblast als Hitlers Geburtsort heute umgeht. Durch Befragung von Braunauer Bekannten und das Studium einschlägiger Dokumente entdeckt Burk aber auch, dass seine Eltern, die sich beim "Osteinsatz" in Weißrussland kennengelernt haben, sehr viel enger mit Chargen aus der höheren NS-Hierarchie bekannt waren, als sie später ihrem Sohn erzählten.

Außerdem berichtet Burk von seinen beiden Großonkeln Willi und Rudi Schneider, die in der Zwischenkriegszeit als "Medien" in spiritistischen Sitzungen auftraten. Da die Zeit von okkulten Phänomenen fasziniert war, wurden die beiden Jünglinge in Wien vom berühmten Professor Wagner-Jauregg wissenschaftlich begutachtet, während die Seelen Verstorbener von ihnen Besitz ergriffen. Und Willi Schneiders Auftritt in München ist sogar von Thomas Mann beschrieben worden. Burks Bericht über die beiden Braunauer Spiritisten gibt nicht einfach eine skurrile Familienanekdote zum Besten, er ist vielmehr ein gelungenes Stück anschaulicher Kulturgeschichtsschreibung.

Auch die resolute Uroma wird einer kritischen Prüfung unterzogen. Der Braunauer Historiker Florian Kotanko weist den Autor darauf hin, dass im Taufbuch eine Franziska Pointecker als Hebamme des kleinen Adolf Hitler genannt wird. Kotanko vermutet, die Haushälterin Rosalia habe sich erst später selbst zur Geburtshelferin des berühmt-berüchtigten Braunauers ernannt.

Der Autor hört diesen Einspruch des Historikers ungern, nimmt ihn aber dennoch in sein Buch auf. Henning Burk, der sich seinen Namen vor allem mit Dokumentarfilmen gemacht hat, ist nämlich auch als Autobiograf ein gewissenhafter, kritischer Journalist und kein erinnerungsseliger Nachkomme, dessen einziger Stolz darin bestünde, dass er der Urenkel von Hitlers Hebamme ist.