Dieses Foto entstand im Jahr 1906 aus Anlass der Promotion Franz Kafkas zum Doktor der Jurisprudenz. - © Ullstein/AKG
Dieses Foto entstand im Jahr 1906 aus Anlass der Promotion Franz Kafkas zum Doktor der Jurisprudenz. - © Ullstein/AKG

Dass ein Buch von Janko Ferk in großer Dichte und einem höchst lesenswerten Schreibstil verfasst ist, bedürfte keiner Erwähnung. In gewisser Hinsicht ist auch sein neu erschienener Band über drei sehr unterschiedliche Juristen minimalistisch und aufwendig zugleich geraten. Mit wenigen Worten gelingt es dem Autor, ein ganzes Universum an Assoziationen, Gedanken und auch Emotionen aufzuschließen. Weiterführende Anmerkungen und ein repräsentatives Literaturverzeichnis ermöglichen es dem Leser überdies, den Autor geistig zu begleiten oder selbst ein wenig ins zitierte Schrifttum abzuschweifen, was sehr lustvoll sein kann.

Auch für den Kafka-Novizen bietet der zweisprachig tätige Autor Ferk eine Höchstleistung an Präzision und Treffsicherheit. Sein Kafka-Beitrag vermag das Wichtige im Leben des Prager Juristen komprimiert und pointiert darzulegen, ohne sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren. Dort wo es angezeigt und passend ist, geht der Klagenfurter Richter und Honorarprofessor ins Detail, so etwa wenn er die Symbolik der unfertigen Gerechtigkeit im "Process" erklärt.

Kunst und Theorie

Im Hintergrund schwingen dabei die sehr komplexen Thesen von John Rawls mit, dem 2002 verstorbenen Harvard-Philosophen, der eine "Theorie der Gerechtigkeit" und einen Nachtrag hiezu ("Gerechtigkeit als Fairness") verfasste. Wie spannend, dass einige von Rawls Gedanken schon achtzig Jahre zuvor von Kafka in Metaphern gegossen und in Dachkammern eingesperrt wurden! Und wie bequem, dass man die gewaltigen zwei Bände von Rawls nicht zur Gänze durchackern muss, sondern von Ferk (mit Kafkas Hilfe) zentrale Ideen in verdaulichen Mengen serviert bekommt.

Janko Ferk wählt in seinem Essay die Schreibweise "Der Proceß", womit er der Kritischen Ausgabe Malcolm Pasleys folgt. Diese Ausgabe kommt jenen Lesern zupass, die philologisch interessiert sind. Zitiert man den berühmten Erzählungstorso nach dem Original-Manuskript, den es als Faksimileausgabe um gutes Geld zu erwerben gibt, so lautet der Titel aber "Der Process", denn Kafka verwendete kein "ß", das ihm erst Brod (Prozeß) und dann Pasley (Proceß) verpassten.

Insgesamt gibt es naturgemäß vier unterschiedliche Varianten, den aus dem Lateinischen stammenden juristischen Titel von Kafkas Roman zu schreiben, unüblich ist bezeichnender Weise nur die heute regelkonforme Schreibweise. Dabei geht es im Roman doch unbestrittenermaßen um einen "Prozess" im strafrechtlichen Sinn, wenn auch unter den seltsamsten Rahmenbedingungen, die an Feme und Geheimpolizei erinnern. Ein Iraker, der Kafkas Sterbeort Kierling, der heute zu Klosterneuburg gehört, besuchte, schrieb folgerichtig in das dortige Gästebuch: "Kafka you have foreseen it all!"