Bauhaus-Gründer Walter Gropius (l.) beim Studieren einer Blaupause. - © M. D. Cooke/Getty Images (Ausschn.)
Bauhaus-Gründer Walter Gropius (l.) beim Studieren einer Blaupause. - © M. D. Cooke/Getty Images (Ausschn.)

Eine Zentrifuge neuer künstlerischer Ideen, Pläne und Errungenschaften waren die zwanziger Jahre in Deutschland. Mehr noch als beim elitären Jugendstil der Jahrhundertwende ging man nach dem endgültigen Zusammenbruch der alten Ordnungen im Ersten Weltkrieg auf Konzepte los, die das Gesamtgefüge der Gesellschaft grundlegend erneuern sollten.

Dabei konnte auch auf vergessene oder vernachlässigte Werte der Vergangenheit zurückgegriffen werden, wie es die wichtigste Bildungsstätte der Weimarer Republik, das Bauhaus, mit seiner Zusammenführung von Kunst und Handwerk für alle Gebiete der freien und angewandten künstlerischen Tätigkeiten propagierte. Im Manifest des Bauhaus-Gründers Walter Gropius von 1919 heißt es: "Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau. Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück (. . .) Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers." Tradition und Moderne wurden in der Alchemie des Bauhauses als Amalgam begriffen.

Mitten in diese von Aufbruch und Kunstglauben erfüllte Atmosphäre der reformpädagogischen Bildungsstätte "Bauhaus" schickt Theresia Enzensberger in ihrem Debütroman "Blaupause" eine neugierige Studentin namens Luise Schilling. "Ich will die Zukunft bauen und die Vergangenheit abreißen", lässt sie die 21-jährige Berliner Industriellentochter erklären. Damit setzt sich Luise in Widerspruch zu ihrem konservativen Elternhaus, das noch von der patriarchalischen Tradition des jüdischen Großbürgertums der Vorkriegszeit geprägt ist.

Tatsächlich lässt Vater Schilling seine Tochter nur widerwillig nach Weimar ziehen, wo die Bauhaus-Herren Gropius, Johannes Itten, Lyonel Feininger, Paul Klee, Wassily Kandinsky und andere den meist nicht minder autoritären Ton angeben und ihre unterschiedlichen künstlerischen Pläne umzusetzen suchen. Später kommen der Ungar Lázló Moholy-Nagy und der Holländer Theo van Doesburg hinzu und drängen das ursprünglich stark expressionistisch geprägte Bauhaus-Konzept unaufhaltsam in die konstruktivistische Richtung einer materialgerechten industriellen Formgestaltung.

All dies ist der historische Hintergrund für den College-Roman der 31-jährigen deutschen Autorin. Ihre Hauptfigur Luise Schilling, deren Eltern sie lieber rasch einer Heirat zuführen würden, lässt sie in Weimar mutig den Weg einer eigenständigen Lebensentscheidung einschlagen. Luise schreibt sich bei Walter Gropius im Fach Architektur ein, wird aber in der von Männern dominierten Kunstschule unweigerlich in die Webereiwerkstatt abgeschoben. Dort, zwischen den Webstühlen, fühlt sie sich zunehmend unglücklich.