Es ist ein mutiges Buch. Wenn Frau Schuster nach Jahren der lähmenden Müdigkeit den Tod ihres Mannes als Befreiungsakt einer neuen Jugend empfindet. Wenn die Mutter aus der prüden 60er-Jahre-Generation Sexualität leugnet, und sie dennoch eine Schachtel mit pornographischen Fotos und Texten aus der Josefine Mutzenbacher wie einen Schatz im Kasten bewahrt. Und wenn Karin, deren behinderte Schwester stets die gesamte Aufmerksamkeit der Mutter für sich beanspruchte, sich insgeheim ärgert, die glänzend schwarze Pistole des Vaters versteckt und dessen Mordpläne durchkreuzt zu haben. Denn dann zeigt der Autor Erich Ledersberger in seiner Sammlung an zwölf Kurzgeschichten erfrischend authentisch jene Seite des Ichs, die schonungslos ehrlich ist - und doch meist unausgesprochen bleibt.

Es ist ein Buch, das mit Normen abrechnet. Mit feuchtfröhlichen Leichenschmausen, die die tote Dini-Tant` verraten. Mit der Vorstellung vom "richtigen Buben", obwohl manch einer aus einem tiefen Gerechtigkeitssinn heraus zuschlägt.

"Als mein Ich verschwand" ist aber auch ein Buch, das Mut macht. Weil es zeigt, dass sich jedes Ich aus der Summe seiner Gedanken und Erinnerungen formt, der guten wie der schlechten – und durch sie einzigartig wird.