Auch so kann man eine Fami-lienchronik erzählen, die auf Handtellergröße die Geschichte eines ganzen Landstrichs enthält: Man verfolgt in Zeitsprüngen vier Generationen, die in einem deutschsprachigen Dorf in Siebenbürgen aufwachsen, und ergänzt das dicht gewobene Erzählnetz um die Schicksale von Geschwistern und Nachkommen. Dieses brillante Kunststück vollzieht die aus dem siebenbürgischen Hermannstadt gebürtige Autorin Iris Wolff in ihrem aus vier Erzählungen zusammengefügten Roman "So tun, als ob es regnet" mit verblüffender Grazie und fein abgestimmter sprachlicher Könnerschaft.

Glücksfall für den Leser: Iris Wolff, 1977 in Hermannstadt geboren. - © Falko Schubring
Glücksfall für den Leser: Iris Wolff, 1977 in Hermannstadt geboren. - © Falko Schubring

Es beginnt, als Siebenbürgen noch bei Österreich-Ungarn war, vor hundert Jahr’. Von Budapest aus gelangt ein österreichischer Soldat namens Jacob im Ersten Weltkrieg in die Karpaten. In einem Weiler nahe Hermannstadt sucht er Quartier auf dem Hof eines siebenbürgischen Bauern. Die Hausfrau Alma mit ihren drei Töchtern findet Gefallen an ihm. In der Nacht vor seinem Aufbruch gibt sich Alma ihm hin. Es war die letzte Freude des Soldaten. Kurz darauf tötet ihn in einem Waldstück ein Kopfschuss aus dem Gewehrlauf des rumänischen Feindes.

Mehr als anderthalb Jahrzehnte später, Mitte der dreißiger Jahre, scharen sich vier Töchter um Alma. Die jüngste heißt Henriette und zieht bereits als Sechzehnjährige durch ihre blonde Schönheit die Blicke der Männer auf sich. Die Neugier treibt sie an, ihr Forschergeist scheint früh erwacht.

Nicht nur ihrer Umgebung schenkt sie ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, sondern auch der Zustand ihres Landes ist davon erfasst. Bald schon nimmt das junge Mädchen an den konspirativen Männerrunden der Sachsen teil. Da diese Treffen nachts stattfinden, nennt sie der Großvater die "Gesellschaft der Schlaflosen".

Siebenbürgen gehört nun zum Königreich Rumänien, und die Minderheit fühlt sich ausgegrenzt und unterdrückt. Als ihre Männer im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Achsenmächte kämpfen, setzen sie abermals auf die falsche geschichtliche Karte. Henriette indes weiß, was zu tun ist. Bei Ende des Krieges hält sie sich vor den Russen in den Bergen versteckt.

Es folgten, wie es heißt, "die Jahre, in denen alles auseinanderfiel". Zwei der Schwestern werden nach Russland verschleppt, nur eine kehrt zurück. Rumänien fällt in das Eisengitter der kommunistischen Diktatur. Henriette gebiert einen Sohn, lässt ihn jedoch, als sie sich nach Bukarest aufmacht, bei ihrer Schwester Luise zurück. Herangewachsen, unterhält dieser Sohn Vicco lose Freundschaften mit jugendlichen Widerstandsgruppen, die vornehmlich die unterdrückte deutsche Sprache und Kultur hochhalten. Ständig drohen Verhaftungen durch die Securitate: "Es brauchte keine Tathandlung, eine Gesinnung reichte, die man als sächsisch-nationalistisch auslegte."