Das befreundete Paar Frido und Marcella, das zu Viccos 23. Geburtstag auftaucht, hat so eine Verfolgungsgeschichte mit der Securitate erlebt: Frido kommt eben erst aus dem Gefängnis in Kronstadt. Man hatte ihn verhaftet, weil man bei ihm verbotene Gedichte eines Regimegegners vermutete, der sich mittlerweile nach Deutschland abgesetzt hat. Bei der Verhaftung hatte die Securitate Frido vorgetäuscht, seine Freundin Marcella sei bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Monatelang hatte Frido mit dieser erpresserischen Lüge leben müssen.

Bei der Geburtstagfeier ist auch Viccos Mutter Henriette anwesend. Später wird Henriette noch weiter weg als Bukarest ziehen, nach Berlin, um als Fotografin ihren eigenständigen Weg zu suchen. Bei ihrem Aufbruch nach Deutschland schmuggelt sie die verbotenen Gedichte des siebenbürgischen Dichters außer Landes, die ihr Frido und Marcella im Geheimen ausgefolgt haben. Die Begegnung mit einer modisch gekleideten Frau, die ihr im Dorf gegen Brot und Speck einen blauen Turmalin-Ring überließ, hatte ihr den Gedanken eingeflößt: "Es gibt etwas jenseits dieses Dorfes, du wirst es kennenlernen, denn diese Welt wird vergehen, die dir jetzt die Mitte deines Lebens ist."

Offenbar unaufhaltsam dem Untergang geweiht, macht die deutsche Kultur Siebenbürgens in den letzten Jahren noch einmal mit einer Vielzahl literarischer Meisterwerke auf sich aufmerksam. Als hätte sich ein Fluss in der Zeit gestaut und sei plötzlich losgebrochen, so ergießt sich ein beträchtlicher erzählerischer Strom über die transsilvanische Landschaft und ihre jahrhundertealte Geschichte der sächsischen Siedler.

Iris Wolffs Roman verstärkt diesen Flusslauf mit beachtlicher Kraft. Er bezieht seinen Titel von einem rumänischen Sprichwort: Se face ca ploua, "So tun, als ob es regnet". Das bezeichnet nichts anderes, als was auf gut Österreichisch "ins Narrenkastl schauen" heißt: scheinbar geistesabwesend und unaufmerksam, doch ganz konzentriert das Abwesende bedenkend. Henriette konnte sich zuweilen in diesen Zustand verlieren.

Der Stau im Fluss der Zeit: das war das Unterdrückungssystem der kommunistischen Diktatur in Rumänien. In den letzten beiden Erzählungen wird deren Schrecken spürbar.

Indes, im ganzen Buch fällt kein Wort über Geschichte oder Politik. Und doch ist in der Dichte der Erlebniswelt die Abhängigkeit von der Willkür eines übermächtigen Staatsapparats im Atmosphärischen solch bedrohten Zusammenlebens dauerhaft gegenwärtig. Es sind die scharf gezeichneten Charaktere, die sich in ihren eigenständigen Handlungen gegen die Zumutungen der Zeit zu wehren suchen.

Besonders Henriette hat für sich einen nicht uneigennützigen Weg gefunden, sich ohne Fesselung durchs Leben zu schlängeln. Für ihre Enkelin, die später Henriettes blauen Turmalin-Ring erhält, ist diese Großmutter mit ihrem Freiheitsdrang dennoch ein lebenswichtiges Vorbild.

Ende des Lieds

Diese Enkelin heißt Hedda und ist für den Leser in der letzten Erzählung des Bandes die Leitfigur in die Gegenwart. Der Waren-Wunderwelt des Westens überdrüssig, hat sie sich auf die Insel Gomera abgesetzt. Über ihr Aussteigerleben heißt es: "In der Klaviermusik, die Hedda hörte, kündigte sich das retardierende Moment an, jene Zurücknahme, die es meist im letzten Drittel eines Liedes gab." Dieses Lied deutscher Ausgewanderter aus Rumänien endet still, ohne Crescendo. "Dass er nicht mehr siebenbürgisch träume", hatte Hedda, eher beiläufig, von ihrem Vater Vicco in Deutschland erfahren. "Das blasse Blau der Berge, die krustigen Schotterpisten waren fort, die Wärme der Steine am Dorfbach, die fliegenden Halme der vorbeifahrenden Heuwagen."

Das vierblättrige Kleeblatt romanhaft verbundener Erzählungen ist ein Glücksfall für den Leser. Iris Wolff ist eine ebenso behutsame wie versierte Erzählerin. Diese Stimme in Prosa tönt ungewöhnlich. Ein eigenwilliger Blick fällt auf das Geschehen. Ein trittsicherer Zugang eröffnet eine fremde Landschaft und Kultur. Eine sinnliche Sprache lässt Farben, Gerüche, das Aroma Siebenbürgens stark aufleben. Sehr poetisch weiß Iris Wolff die Worte und Sprachbilder zu wählen. "Die Wut war ein heißes Kohlestück in der Hand", heißt es über einen Anfall von Jähzorn.

Die Welt der Siebenbürger Sachsen wird verlorengehen wie die der ostjüdischen Sthetl. Und sie wird ebenso weiterleben in der Überlieferung, die maßgeblich in der Literatur gespeichert ist.