Nur der Anfang des Romans, den als "Tatsachenroman" zu bezeichnen sich verbietet, weil die dichterische Gestaltung die Fakten in den Hintergrund drängt - dieser Anfang also ist problematisch. Anton Tschechow, der russische Großmeister der komprimierten Geschichten, meinte einmal, man solle bei einer Erzählung einen Anfang, einen Mittelteil und einen Schluss schreiben - und dann Anfang und Schluss streichen.

Hätte Geiger sich Tschechows Rat zur Hälfte gebeugt und das erste Kapitel gestrichen - es wäre von Vorteil gewesen. In diesem ersten Kapitel berichtet der Ich-Erzähler und Protagonist Veit Kolbe, wie er im Jahr 1943 an der Ostfront verwundet wird. In diesem Abschnitt klingt Geigers Sprache eigentümlich abgegriffen und fehlerhaft ("Die Bevölkerung sollte nach rückwärts evakuiert werden"). Man spürt, dass die geschilderten Ereignisse angelesen sind. Es ist Kriegsprosa aus zweiter Hand.

Indessen wäre es Unfug, Geiger daraus einen Strick zu drehen - und das keineswegs wegen der Kürze des Abschnitts im Vergleich zum Gesamtumfang des Romans. Dennoch ist es gerade bei einem Meisterwerk wie "Unter der Drachenwand" interessant, sich mit dem einzigen schwachen Kapitel zu befassen. Es ist nämlich symptomatisch, dass Geiger ausgerechnet der Abschnitt misslingt, in dem sein Protagonist den Krieg direkt erlebt. Dass dieses Geschehen dem Autor die Sprache raubt, ihn nahezu hilflos werden lässt ("Es geht nichts über Lazarettaufenthalte, man trifft dort Menschen aller Waffengattungen, auch rückwärtiges Personal"), ist bemerkenswert.

Flucht aus Familie

Immerhin schildert Veit Kolbe als Ich-Erzähler die Vorgänge aus eigener Erfahrung - was auch den Versuchen einiger wohlmeinender Kritiker widerspricht, darin läge eine Absicht Geigers. Eher scheint es, der Autor habe die tatsächliche Erfahrung seines Protagonisten nicht in seine eigene umzudichten vermocht. In jenem Moment jedoch, als Kolbe zu seiner Familie nach Wien kommt, beginnt ein literarischer Höhenflug, der seinesgleichen sucht.

Fast scheint es, als wäre die Dystopie der Familie mit der schwachen Mutter, dem NS-optimistischen Vater und der an Lungentuberkulose verstorbenen Schwester allein schon durch die unmittelbarere emotionale Nähe verstörender als der Krieg. Die seit seiner frühesten Jugend schwelenden Konflikte mit dem Vater wird Kolbe gegen Ende des Romans bündeln: "Die Kindheit ist wie ein Holz, in das Nägel geschlagen werden. (. . .) Papa hatte die Nägel immer ganz fest ins Holz gedroschen durch ständiges Hämmern auf immer dieselben Stellen."

Kolbe flüchtet sich aus dem Wiener Familienverband nach Mondsee, unter die Drachenwand, wo sein Onkel Johann Postenkommandant ist. Kolbe lebt sich ein - und bleibt doch fremd. "Wie weit die Verzerrung des eigenen Wesens schon vorangeschritten ist, merkt man erst, wenn man wieder unter normale Menschen kommt" - doch was, wenn die Verzerrung zur Normalität geworden ist?