Der Onkel als örtlicher Polizeikommandant - ein Opportunist; würde er überleben, wäre er der lokale "Herr Karl" geworden. Kolbe beginnt mit Margarete eine Liebesgeschichte, die ergebnislos verrinnt. Dann die wirkliche, die große Liebe: Margot aus Darmstadt, ist Kolbes Nachbarin, die Frau eines Soldaten, mit dem sie ein Kind hat. Es scheint aussichtslos. Doch Kolbe und Margot tasten sich einander an.

Längst ist der Krieg verloren, aber noch weiß niemand, was kommt. Kolbe und Margot haben nur ihre Gegenwart: "Wir schmiedeten keine Pläne für die Zukunft, ich glaube, das war der Grund, warum wir diese Wochen so genossen."

Zerschundene Leben

Ein Jahr lang kann Kolbe seine neuerliche Einberufung hinauszögern, dann wird er wieder feldtauglich geschrieben. Er fährt zu einer letzten Zusammenkunft mit Margot: "Draußen glitten die öden Äcker vorbei, auf denen die vergessenen Rüben und das faulende Kraut herumlagen wie Totenschädel und geschwärzte Knochen", heißt es im Tonfall von Peter Huchels Hymnen an zerschundene Landschaften, in denen sich zerschundene Leben spiegeln. Das letzte Zusammensein mit Margot: "Und Mondsee erlebte die stillste Nacht seiner Geschichte, alle schliefen tief. Eine Wolke näherte sich dem Mond, der Krieg näherte sich Mondsee, Mondsee näherte sich dem Ende des Jahres, eine Hand näherte sich der andern. Nie fort müssen von hier!"

Die Erzählstränge verknüpft Geiger zum Netz der Beziehungen, hineingewoben sind drei Korrespondenzen: Margots Mutter schreibt ihrer Tochter aus dem zerbombten Darmstadt, der Jude Oskar Meyer schreibt von seiner Flucht (er und seine Frau werden in Auschwitz ermordet), Kurt schreibt schwärmerische Briefe an Nanni im Lager Schwarzindien nahe Mondsee - jene Nanni, die davonlaufen wird und die lange verschwunden sein wird, bis man auf der Drachenwand ihre Leiche findet. Die Nanni-Handlung ist der stärkste Nebenstrang des Romans. Dann ist da noch das Schicksal des "Brasilianers", eines Biologen, der in Brasilien gearbeitet hatte und zur Unzeit zurückgekommen ist.

Geiger zieht einzelne Motive durch: Kolbes eiternde nässende Oberschenkelwunde, das Sterben von Kolbes Schwester, fast unmerklich kleinere Gerüche, Geräusche, immer wieder Tiere, deren Leben und Tod als Seismograph das innere und äußere Geschehen reflektiert. Nahezu einer musikalischen Verarbeitung entspricht die Dichte von Geigers Prosa. In manchen Sätzen fallen zarte Querstriche auf - vielleicht Originalzitate aus Kolbes Tagebuch.

Am Ende ist, wie zu Beginn, Winter. Kolbe fährt hinaus in den Krieg. Das Leben wird dennoch triumphieren.