Charles Dickens, Bertolt Brecht und Sándor Márai haben darüber geschrieben, die Armut ist also nicht nur ewiges Problemfeld der Politik, sie ist auch ein unerschöpfliches Thema der Literatur. Auch heute noch, und auch in der wohlhabenden Mitte Europas suchen Menschen "in Mülleimern nach Pfandflaschen, andere sitzen in Fußgängerzonen und halten die Hand auf". Aber "die meisten, die zu wenig haben," darauf weisen Andrea Gerster und Christina Walker zutreffend hin, "sehen wir gar nicht, sollten wir nicht zufällig die eine oder den anderen davon kennen".

Die beiden Redakteurinnen der klugen Anthologie "Haben und Sein" haben 21 Autorinnen aus Österreich, der Schweiz, Liechtenstein und Deutschland eingeladen, über das meist im medialen Schatten stehende "Armsein mitten unter uns" zu schreiben. Entstanden sind Geschichten über Menschen, denen es selten an Fleiß, aber oft an Chancen mangelt, und bei denen der Lohn kaum für das Alltägliche "und schon gar nicht für das Wünschen reicht".

Alleinerziehende, Alte und Einsame kämpfen darin, zumeist eskapistisch, gegen Resignation an. Und Junge, Alleinstehende und besser Gebildete widmen sich dem künstlerischen oder sonstigen Freischaffen, um zumindest temporär gegen den Zwang des "Habenmüssens" zu revoltieren. Die Gründe für das Armsein, sie sind mannigfaltig. Gemeinsam ist allen Armen, dass sie zumindest ein Stück Hoffnung brauchen. Und ein klein wenig Würde. Damit sie nicht - zum Schaden der gesamten Gesellschaft, also auch unserem eigenen - in Bitterkeit, Scham und Verzweiflung versinken.