CC/Die Gartenlaube/Ernst Keil
CC/Die Gartenlaube/Ernst Keil

33.000 Geschädigte (die Dunkelziffer war wohl noch höher), die um 38 Millionen Gulden (das wären heute an die 400 Millionen Euro) gebracht wurden: Als am 12. November 1872 die 40-jährige Adele Spitzeder verhaftet wird, ist dies der Höhepunkt des "größten Bankenbetrugs aller Zeiten", wie es Julian Nebel in seinem neuen Buch vollmundig nennt. Der Autor dürfte durchaus recht haben, denn was die gescheiterte Schauspielerin in knapp zwei Jahren in München aufgeführt hat, rechtfertigt durchaus Superlative.

Auf 169 Seiten zeichnet Nebel den Werdegang der Tochter des Künstlerpaars Josef Spitzeder und Betty Spitzeder-Vio nach, der am 9. November 1832 mit Adele Spitzeders Geburt in Berlin beginnt und am 27. Oktober 1895 mit ihrem Tod in München endet. Dazwischen liegen 63 Jahre, in denen die kleine Adele in vornehmer Gesellschaft aufwächst und den bekannten Lebensstandard auch dann beibehält, als sie erwachsen ist und auf eigenen Füßen steht, obwohl sie es sich nicht leisten kann. Als Schauspielerin scheitert sie, versucht vergeblich ihr Glück in verschiedenen deutschen Städten und auch in Wien, gibt aber dabei stets die große Dame von Welt und mietet sich im Hotel ein. Ihre Schulden haben inzwischen horrende Höhen erreicht, Gläubiger werden immer wieder vertröstet oder Kredite mit neuen Krediten getilgt.

10 Prozent Zinsen - im Monat!

Schließlich landet Spitzeder in München, wo sie - dies sorgt immer wieder für anrüchige Spekulationen - mit einer Frau zusammenlebt und im Jahr 1869 die Idee ihres Lebens hat: Sie bietet der schwangeren Frau eines verarmten Zimmermanns aus der Münchner Au an, deren Geld zu veranlagen. Sie sei ja ein guter Mensch und wolle sie teilhaben lassen an dem Glück, das ihr selbst zuteilgeworden sei, als sie ihr eigenes Geld vermehrt habe.

Unglaubliche 10 Prozent Zinsen pro Monat verspricht Spitzeder der Frau für die Veranlagung von 100 Gulden und zerstreut deren letzte Bedenken en passant durch ihr betont luxuriöses Auftreten - dass freilich auf Schulden fußt - und die Auszahlung der ersten 10 Gulden als Vorschuss (kein Kunststück, sie hat ja soeben 100 Gulden bekommen).

Die Taktik geht auf, die begeisterte Anlegerin vermittelt Spitzeder weitere Bekannte, die ihr ebenfalls ihr Erspartes anvertrauen - und das erste bekannte Pyramidenspiel der Welt nimmt seinen Lauf und überrollt irgendwann auch seine Gründerin. Aus ein paar Anlegern werden nämlich bald mehrere tausend, die regelmäßig frisches Kapital einbringen und damit das System am Leben erhalten. Zwei Jahre lang tut Spitzeder nichts anders, als Geld einzunehmen und wieder auszugeben - stets betonend, das sie ihren Kunden keine Garantien geben könne. Nebenbei vergibt sie auch Kredite, diese allerdings nur an Personen, deren Stand einen peinlichen Kreditausfall nicht zulassen würde.

Irgendwann gründet sie dann ihre eigene Bank, stellt zahlreiche Mitarbeiter ein und kämpft nicht nur mit den Behörden, die von ihr Steuern verlangen, sondern führt auch einen Zeitungskrieg gegen Kritiker, die vor ihrem System warnen - das tatsächlich 1872 zusammenbricht. Im folgenden Prozess und auch noch in Haft betont Spitzeder stets, sie habe aus reiner Philanthropie gehandelt und sich nicht bereichert.

Und so, wie Nebel seine Protagonistin (auch anhand von Auszügen aus deren Memoiren) beschreibt, ist man fast geneigt, ihr ein Stück weit zu glauben. Was an seinem Buch beeindruckt, ist die sehr persönliche Ebene, auf die er die Schilderung des Lebens der Frau bringt, die von der Schauspielerin zur Finanzbetrügerin wurde. Wie er außerdem ihre Geschichte in ihre Zeit einbettet und das Kunststück schafft, sehr viel Sachinformation in lockerem Ton zu erzählen.