Eine unerschrockene Kämpferin: Irmgard Keun (1905-1982). - © Ullsteinbild
Eine unerschrockene Kämpferin: Irmgard Keun (1905-1982). - © Ullsteinbild

"Sie hält es fest in der Hand, ihr kleines Leben, das Mädchen Gilgi. Gilgi nennt sie sich, Gisela heißt sie. Zu schlanken Beinen und kinderschmalen Hüften, zu winzigen Modekäppchen, die auf dem äußersten Ende des Kopfes geheimnisvollen Halt finden, paßt ein Name mit zwei i."

Als Irmgard Keun den Roman "Gilgi, eine von uns" im Jahr 1931 veröffentlichte, war sie selbst erst 26 Jahre alt. Die Sätze, mit denen sie auf den ersten Seiten das Mädchen Gilgi vorstellt, könnten gut auf sie selbst gepasst haben: eine junge Frau, die alles daran setzt, ihr "kleines Leben" fest in der Hand zu halten. Nach einer kurzen Bühnenlaufbahn war die in Berlin geborene und weitgehend in Köln aufgewachsene Irmgard Keun als Schriftstellerin nicht nur mit "Gilgi", sondern im Sommer 1932 auch mit "Das kunstseidene Mädchen" hervorgetreten, die beide zu sensationellen Bucherfolgen wurden. Aber schlechter hätte das historische Timing für die mit soviel scharfsinnigem Witz, soviel kritischem Geist ausgestattete junge Autorin nicht sein können.

Sie war eben eine "hoffnungsvolle junge Bestsellerautorin erst am Ende, in der finalen Krisenzeit der Weimarer Republik", wie es in der hervorragend kommentierten, eben erschienenen Werkausgabe heißt.

Hellsichtig & verfemt

Denn es war ja genau diese Zeit, ihre eigene Epoche, für die Keun sich interessierte und der sie schreibend die alarmierenden Untertöne abhorchte. Der Roman "Gilgi", literarisch der Neuen Sachlichkeit zugeordnet, greift die durch die Weltwirtschaftskrise zugespitzte Orientierungslosigkeit ebenso auf wie die zeitgenössische Faszination für den Glamour der Filmwelt, willkommene Ablenkung von den wirtschaftlichen und politischen Sorgen.

Überraschend hellsichtig setzt sich die junge Autorin nicht zuletzt mit dem ewigen Konflikt der Frauen zwischen ihrer Rolle als Familienmutter und dem Drang nach Selbstbestimmung auseinander. Als Gilgi mit Martin, den sie liebt, zusammenzieht, spürt sie das Dilemma schnell: "Alles ist gut, dachte man als man zu Martin zog. Nichts ist gut. Vielleicht will man zuviel. Man will sein ganzes bisheriges Leben behalten, mit seiner Freude am Weiterkommen, seiner gut geölten Arbeitsmethode, mit seiner harten Zeiteinteilung, seinem prachtvoll funktionierenden System. Und man will noch ein anderes Leben dazu, ein Leben mit Martin, ein weiches, zerflossenes bedenkenloses Leben. Und das erste Leben will man nicht, das zweite kann man nicht aufgeben." Kann man diesen Konflikt - auch 85 Jahre später immer noch ein Thema, an dem sich Frauen aufreiben - besser zusammenfassen?