Wien. "Frau Gertrude" war für kurze Zeit der Überraschungsstar im Präsidentschaftswahlkampf 2016. Das Facebook-Video einer damals 89-jährigen Wiener Holocaust-Überlebenden, in dem sie die Jugend zum "vernünftigen Wählen" aufrief und ihrer Besorgnis über rechte Kampfrhetorik Ausdruck verlieh, wurde ein viraler Internet-Hit und sorgte auch im Ausland für Aufsehen. Nun erzählt sie ihre Lebensgeschichte.

Im Wahlkampf war von manchen gemutmaßt worden, die alte Dame, die sich in ihrem knapp fünfminütigen Statement in ruhigen, klaren Worten dagegen aussprach, aus politischem Kalkül "das Niedrigste aus den Menschen herauszuholen", sei eine Erfindung des Van der Bellen-Wahlkampfteams. Und auch ein im April 2017 an die Werbeagentur Jung von Matt Donau für das Video verliehener Werbepreis sorgte für Irritationen. Doch Gertrude Pressburger gibt es wirklich. Und sie wundert sich über das öffentliche Echo, das sie ausgelöst hat.

In dem bei Zsolnay erscheinenden Buch "Gelebt, erlebt, überlebt", das am Dienstag (30.1.) in der Präsidentschaftskanzlei präsentiert wird, ist das Video kein Thema. Ihre Überlegungen, die sie im Herbst 2016 anstellte, wiederholt sie dagegen im kurzen Epilog des Buches. Sie wolle "ein Gespür dafür vermitteln, welch zerbrechliches und kostbares Gut der Frieden ist. Dass der Wohlstand, in dem wir leben, nicht selbstverständlich ist." Sie fürchte sich davor, "dass wieder Krieg kommen könnte. Keiner, den ich noch erleben werde. Aber einer, der die nachfolgenden Generationen trifft."

Geschichte beginnt in Meidling in den 30er-Jahren

Die 1989 geborene Journalistin Marlene Groihofer gehört einer dieser Generationen an. Sie hatte Gertrude Pressburger, die davor auch im engsten Familienkreis kaum über ihre (Über)Lebensgeschichte gesprochen hatte, für ein Feature für "radio klassik Stephansdom" gewinnen können. Ihre Sendung wurde mehrfach ausgezeichnet. In dem Buch lässt sie Pressburger in der Ich-Form erzählen, bringt dazwischen aber immer wieder kurz die Gesprächssituation ins Spiel - ein elegantes Mittel, zwanglos Verknüpfungen zur Gegenwart herzustellen und von der Intimität zu erzählen, die das Erinnern an das Unvorstellbare mit sich bringt: "Nach Auschwitz sind wir beim Du angelangt."

Pressburgers Lebensgeschichte beginnt in einer Zimmer-Küche-Wohnung im Wien-Meidling der 1930er-Jahre. Es ist anfangs viel und liebevoll von den Eltern (der Vater ist Kunsttischler) und ihren jüngeren Brüdern Heinzi und "Lumpi" die Rede ("Mit dem einen lerne ich, mit dem anderen raufe ich."). Warum das so ist, geht einem erst dann auf, wenn mit einem Schlag die geliebten Menschen nicht mehr sind. Wenn ein einfaches und unspektakuläres Leben jäh gegen die Hölle auf Erden getauscht wird. Im Frühling 1944 endet eine sechsjährige Flucht, die die Familie unter sich ständig verschärfenden Bedingungen durch jugoslawische und italienische Städte geführt hat, nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Italien auf grausame Weise. Diesmal gibt es kein Entkommen mehr. In Viehwaggons werden die Pressburgers nach Auschwitz-Birkenau gebracht. Bei der Selektion an der Rampe wird die 16-Jährige ihre Eltern und ihre Geschwister das letzte Mal sehen.