Mit seinem Buch "Die Kunst des guten Lebens" erobert der Schweizer Autor Rolf Dobelli einmal mehr die Bestsellerlisten. Die originellen Ratschläge des 51-jährigen Schriftstellers und Querdenkers treffen offenbar einen Nerv. Der promovierte Betriebswirt lebte in Hongkong, Australien, England und viele Jahre in den USA. Im "Bellevue Palace" in Bern spricht der ehemalige Swissair-Manager und agile Hobbypilot mit der "Wiener Zeitung" über die glücklich machende Menge Geld, Sinnhaftigkeit, Genuss und Neidkultur in Sozialen Netzwerken.

"Wiener Zeitung": Wie gelange ich zu einem guten Leben?

Rolf Dobelli: Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Es gibt nie den "heiligen Gral" oder die eine Pille in der Medizin gegen alle Krankheiten. Ich kann Ihnen aber sagen, wie Sie es verhindern. Indem Sie ständig etwas hinzufügen, statt Unnötiges aussparen. Ich muss nicht jeden Quatsch mitmachen, den mir die Gesellschaft als letzten Schrei präsentiert. Anstatt nach ultimativer Glückseligkeit zu streben, sollten Sie ständig nachjustieren. Denn sinnvolles Leben ist kein permanenter Zustand, wie viele glauben.

Bieten Sie deshalb eine Art Werkzeugkasten mit Beispielen an, die in unserer komplizierten Welt helfen?

Genau. Man kann es Werkzeugkasten nennen. Ich als Schweizer bezeichne es als Schweizer Taschenmesser. Da sind 52 verschiedene Werkzeuge dran. Und wie bei diesem Taschenmesser braucht man meistens nicht alle 52 Tools, sondern jeweils nur zwei oder drei.

Woher nehmen Sie Ihre Lebensweisheiten?

Einerseits aus der Philosophie, wobei uns die heutigen Philosophie-Professoren nicht mehr beantworten können, wie wir leben sollen. Noch vor 200 Jahren war das anders. Damals haben sich die Philosophen hauptsächlich mit dieser Frage befasst. Für mein Buch habe ich die Antworten bei den großen Philosophen der Antike gefunden. Vor allem die Ansätze der Stoiker passen überraschend gut zu unserer komplexen Welt des 21. Jahrhunderts. Dabei geht es um mentale Modelle, die unsere negativen Seiten des Denkens und toxische Emotionen wie Selbstmitleid bekämpfen. Die andere Quelle ist die moderne Psychologie, vor allem die Erforschung der kognitiven und sozialen Psychologie sowie die Glücksforschung. In den vergangenen 20 Jahren gab es viele Erkenntnisse, was funktioniert und was nicht.

Macht Geld glücklich?

Natürlich spielt Geld eine enorme Rolle für arme Menschen. Da helfen keine Psycho-Ratgeber. Ab einem Haushaltseinkommen von etwa 100.000 Euro brutto hat aber jeder zusätzliche Euro keinerlei Auswirkung mehr auf die Glückseligkeit des Einzelnen. Auch wenn die Happiness-Schallgrenze dann immer noch stark abhängig davon ist, ob Sie in Wien oder an einem hässlichen Ort leben.